Einsichten – die christliche Kolumne

Was „Gottesfurcht“ bedeutet

Über vorsichtige Achtsamkeit und Furcht schreibt Rainer Neumann. Er ist Pastor im Ruhestand in Greifswald.

Der Predigttext des folgenden Sonntags lautet: „Er ist um seiner Gottesfurcht willen erhört worden …“ Aus Hebräer 5, 7-9
Wer an diesem Sonntag in den Gottesdienst geht, tut gut daran, den Predigttext vorher zu lesen. Und mehr noch: im Hebräerbrief etwas zu stöbern, denn dann ist das, was als Predigttext zu hören sein wird, nicht so ein starker Tobak. Was von den Kanzeln aus vorgelesen wird, ist nämlich dichteste Theologie der zweiten Generation von Christen.
Um seiner „Gottesfurcht“ willen wurde Jesus erhört, lese ich da. Gottesfurcht – ein Wort, das nicht zu meiner Alltagssprache gehört, denn Gott und Furcht gehören für mich nicht zusammen. Doch als ich diesem Wort nachging, las ich, dass Noah aus dieser Haltung heraus seine zukunftsorientierte Arche baute. Das tat mir gut. Also von den Begriffen im Predigttext sich nicht abschrecken lassen, sondern den Bedeutungshorizont auskundschaften, dachte ich mir und dann fand ich eine schöne Umschreibung für Gottesfurcht: vorsichtige Achtsamkeit. Damit kann ich etwas anfangen.
Mit „vorsichtiger Achtsamkeit“ auf den Hebräerbrief hören heißt wie bei Noah: in die Zukunft schauen, denn damals hatte sich die Kraft des Anfangs der ersten Generation von Christen verbraucht. Was damals nötig wurde, ist die Reaktivierung ermatteter Glaubenshoffnung – und die lieferte der Hebräerbrief, sozusagen eine theologische Arche Noah.
Der Verfasser brachte aber keine Wiederholung alter Glaubensformeln und keine Durchhalteparolen. Daher hat er mit vorsichtiger Achtsamkeit eine Neuauslegung des Bekenntnisses verfasst. Damit wollte er das abdriftende Kirchenschiff wieder auf Kurs bringen: durch bessere Theologie.
So ist der Hebräerbrief also eine seelsorgerliche Schrift, die zum Zentrum unseres Glaubens führt. Und eine Neuauslegung ist für viele besser als eine Wiederholung. Ein neues Nachdenken über die alten Wahrheiten, neue Formulierungen und dadurch Reaktivierung ermatteter Glaubenshoffnung tut zu allen Zeiten gut. Das kann sicher auch eine Zumutung für uns bedeuten, aber mit „vorsichtiger Achtsamkeit“ können wir Kurs halten.
Unser Autor
Rainer Neumann
ist Pastor im Ruhestand in Greifswald.
Zum Predigttext des folgenden Sonntags schreiben an dieser Stelle wechselnde Autoren. Einen neuen Text veröffentlichen wir jeden Mittwoch.

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