Was glaubten eigentlich die Wikinger?

Was wir über altskandinavische Glaubensvorstellungen wissen – und wie das Christentum sie verändert hat.

Gibt man die Stichworte „Nordische Mythologie“ in eine Suchmaschine ein, so erhält man einen Überblick über die nordischen Götter und Mythen, fein säuberlich aufgeteilt in vermeintliche Göttergeschlechter (Asen und Wanen) und hierarchisch gestaffelt, vom Göttervater Odin hinab zu den niederen Wesen der Unterwelt.

Solche Darstellungen sagen jedoch wenig aus über tatsächliche Glaubensvorstellungen im skandinavischen Frühmittelalter. Im Gegensatz etwa zum Judentum und Christentum war der wikingerzeitliche Glaube keine „Buchreligion“, dessen Inhalte und Regeln verbindlich schriftlich festgehalten waren. Stattdessen wird in der Forschung der zeitgenössische Begriff siðr benutzt, was so viel wie „Brauchtum“, „Sitte“ bedeutet und zeigt, dass es sich um eine Sammlung von Vorstellungen und damit verbundenen kultischen Praktiken handelt – nicht um einen feststehenden Glaubenskanon.

Mangel an schriftlichen Quellen

Der Mangel an schriftlichen Quellen macht es schwer, etwas über diese Glaubensvorstellungen und Kulthandlungen auszusagen. Die wenigen Berichte, die es gibt, stammen oft von christlichen oder islamischen Chronisten und geben ein verzerrtes, vielleicht auch übertriebenes Bild. Den vielleicht berühmtesten Bericht liefert uns Adam von Bremen in seiner Kirchengeschichte des Bistums Hamburg (niedergeschrieben ca. 1072), der freilich nur Hörensagen und vielleicht auch frei Erfundenes weitergibt. Er schildert ein alle neun Jahre stattfindendes heidnisches Fest im „Tempel“ im schwedischen Alt-Uppsala. Dabei huldigen die Anwesenden angeblich Statuen von Odin, Thor und Freyr, die jeweils für unterschiedliche Bereiche zuständig sind: Krankheit und Hungersnöte, Krieg und Fruchtbarkeit. Weiter berichtet er, dass die Heiden von jeder Tierart neun männliche Geschöpfe opfern und an Bäumen aufhängen – auch Menschen, was Adams christlich-moralische Entrüstung im Besonderen weckt. Und von den unehrbaren Liedern, die die Heiden während dieser Praktiken singen, möchte der ehrwürdige Bischof lieber ganz schweigen.

Dass es sich bei den drei angesprochenen Göttern Thor, Odin und Freyr um die Hauptgötter der wikingerzeitlichen Götterwelt handelt, ist relativ sicher. Allerdings gab es regionale Unterschiede.

Überlieferungen nur aus christlicher Zeit

So erfreute sich Thor vor allem in Norwegen und auf Island besonderer Beliebtheit, worauf Personen- und Ortsnamen mit dem Namensbestandteil „Thor-“ hindeuten. Gerade die Anbetung Thors lässt sich zudem durch die zahlreichen Funde von Amuletten in der charakteristischen Hammerform belegen. Für den Großteil von Adams Beschreibung gibt es dagegen weder archäologische noch andere schriftliche Belege.

Die zweite wichtige und viel ausführlichere Quelle für die Mythen und Glaubensvorstellungen der Wikingerzeit ist die Edda des Snorri Sturluson. Zwar war Snorri Isländer, womit seine Lokalkompetenz im Gegensatz zu der Adams unbestritten ist, jedoch lebte er im 13. Jahrhundert, gut 200 Jahre nach der Christianisierung Islands und dem Ende der Wikingerzeit. Seine Darstellung ist dementsprechend mit Vorsicht zu genießen. Dennoch stützte sich Snorri nach allem, was wir wissen, auf ältere Quellen und mündliche Überlieferungen, sodass wir von Spuren einer früheren Vorstellungswelt in seinen Schriften ausgehen können. In seinen Schilderungen des Götterkosmos finden sich unter anderem Zwerge, die allerdings in ihrer Urform deutlich weniger niedlich und sympathisch waren als ihre heutigen Abkömmlinge. Sie wanderten im Laufe der Jahrhunderte aus dem Schöpfungsmythos in die Volksmärchen und -sagen, wo sie immer noch Unheil anrichten können, wenn man nicht freundlich mit ihnen umgeht.

Glaube der Wikingerzeit bleibt unscharf

Wenngleich also die schriftlichen Überlieferungen wohl Körnchen authentischer „Wikingervorstellungen“ enthalten, sind sie keine direkten Augenzeugenberichte, sondern spätere Interpretationen. In seiner Vielfalt und Heterogenität bleibt der Glaube der Wikingerzeit für uns größtenteils im Dunkeln – und genau das mag vielleicht seine bis heute ungebrochene Faszination ausmachen. zum Teil von Schnee bedeckte Felsen, die ins Meer ragen, an der isländischen Küste

Dazu trägt sicherlich auch die Verbindung von „heidnisch“ mit „grausam, wild“ bei, die mittelalterliche Chronisten konstruiert haben. Ein christlicher Wikinger scheint geradezu ein Widerspruch in sich zu sein. Doch wie können wir uns das Verhältnis zwischen Christentum und nordischem „Heidentum“ zur Wikingerzeit vorstellen?

Überfälle als Erstkontakt mit dem Christentum

Bereits zu Beginn der Wikingerzeit im späten 8. Jahrhundert erfahren wir von Überfällen auf Klöster und damit von ersten Kontakten der Skandinavier mit dem Christentum. So unversöhnlich diese auch scheinen mögen – langfristig sollten sie Auswirkungen zeigen, und am Ende der Wikingerzeit steht ein überwiegend christliches Skandinavien. Dazwischen liegt eine lange Phase des Übergangs, in der das Christentum nach und nach in den Norden vordrang und  oftmals parallel zu alten Glaubensvorstellungen existierte und praktiziert wurde.

Neben einem frühen und erfolglosen Versuch des englischen Mönchs Willibrord, die Menschen im dänischen Ribe zu bekehren, wissen wir etwas mehr über die Missionsreisen des heiligen Ansgar. Um 830 fuhr er im Auftrag Ludwigs des Frommen in das schwedische Handelszentrum Birka. Dort gelang es ihm, wenn wir den Quellen glauben dürfen, einen lokalen Machthaber namens Herigar zu bekehren und er durfte eine Kirche errichten. Auch der dänische (Klein-)König Horik I. gewährte Ansgar in den folgenden Jahren die Mission in seinem Herrschaftsgebiet und um 850 wurde in Haithabu beim heutigen Schleswig eine Kirche errichtet.

Bestattungspraxis gibt Hinweise auf veränderte Religiösität

Auch archäologisch können wir die Verbreitung des Christentums nachweisen. Etwa ab dem 9. Jahrhundert nimmt die Anzahl „christlicher“ Funde – erkennbar etwa durch Kreuze und andere christliche Symbole – deutlich zu. Interessanterweise handelt es sich dabei sowohl um importierte Gegenstände aus christlichen Ländern als auch um vor Ort produzierte Kopien. Auch die Bestattungspraxis gibt Hinweise auf veränderte religiöse Überzeugungen: Insbesondere in Süddänemark kommt es im Laufe des 9. Jahrhunderts vermehrt zu Körperbestattungen, teilweise sogar in Särgen, während die als „heidnisch“ betrachteten Brandbestattungen abnehmen. Auch die Lage des Körpers im Grab ist aufschlussreich: Nach christlichem Ritus soll der Kopf in Richtung Westen liegen, sodass der Tote bei seiner Auferstehung direkt das himmlische Jerusalem erblickt. Schließlich fehlen in christlichen Gräbern zumeist die Grabbeigaben, denn im christlichen Paradies herrscht bereits Vollkommenheit.

Religiöser Pragmatismus

Besonders fruchtbar für den Kontakt zwischen den Religionen waren die großen skandinavischen Handelszentren wie Haithabu, Ribe oder das Birka, wo wohl ein gewisser religiöser Pragmatismus herrschte. Dies verdeutlicht etwa ein Fund aus Haithabu: eine Gussform aus Speckstein, auf deren einer Seite Kreuze, auf der anderen Seite Thorshämmer gegossen werden konnten. Der Besitzer der Form konnte sich so verschiedenen Kundenkreisen anpassen und tat dies offenbar ohne religiöse Skrupel. Ob er selbst Christ war oder dem Glauben an die nordischen Götter anhing, können wir natürlich nicht wissen, doch es scheint zumindest für seine Tätigkeit als Handwerker keine Rolle gespielt zu haben. Die Replik einer alten dänischen Daubenkirche aus der Wikingerzeit, die im Moesgaard Museum im dänischen Aarhus steht

Eine ähnlich pragmatische Vorgehensweise müssen wir wohl auch in den Christianisierungsbestrebungen der skandinavischen Herrscher ab dem 10. Jahrhundert vermuten. Wenn der dänische Herrscher Harald Blauzahn sich auf einem Runenstein ebenso vollmundig wie fragwürdig rühmt, er habe Dänemark und Norwegen geeint und ihre Bewohner zu Christen gemacht, klingt dies weniger nach einem inneren Glaubenswechsel als nach politischem Kalkül.

Gott und Götter? Kein Problem!

Vermutlich lebten der „heidnische“ Glaube und die damit verbundenen kultischen Praktiken im privaten Raum und jenseits der großen Machtzentren noch lange fort. Gerade weil der nordische Glaube so flexibel und lose organisiert war, stellte eine parallele Existenz von christlichem Gott und nordischen Göttern für viele Menschen vielleicht gar kein Problem dar. Generell wird das Ende der Wikingerzeit in der zweiten Hälfte des 11. Jahrhunderts mit der endgültigen Christianisierung Skandinaviens gleichgesetzt. Die Wikingerzeit ist also eine Zeit des Übergangs, in religiöser wie politischer Hinsicht, in der sich christliche Vorstellungen mit heidnischen maßen, mischten und sie schließlich langsam verdrängten. Einige mythologische Wesen der Wikingerzeit aber leben im Volksglauben bis heute weiter.