Warum Corona ein Nährboden für Magersucht ist

In den vergangenen Jahren haben Essstörungen bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland stark zugenommen. Welchen Einfluss Lockdowns in der Corona-Pandemie darauf hatten.

Für Magersüchtige ist jeder Bissen ein Grauen (Symbolbild)
Für Magersüchtige ist jeder Bissen ein Grauen (Symbolbild)imago/Westend61

Lilly König (Name geändert) erinnert sich an den Beginn des ersten Corona-Lockdowns im März 2020. „Durch das Home-Office, die Einschränkung sozialer Kontakte und die Einsamkeit geriet ich in einen Teufelskreis“, sagt die 33-Jährige. Sie erkrankte schwer an Anorexie, auch bekannt als Magersucht. Seit 31. Mai 2022 befindet sich Lilly König mit Unterbrechungen zur stationären Behandlung in der Schön-Klinik Bad Staffelstein im bayerischen Oberfranken.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) beschreibt Anorexia nervosa als psychische Erkrankung mit körperlichen Folgen wie starkem Gewichtsverlust oder anhaltendem Untergewicht. Die Gründe für die Krankheit sind vielfältig.

Mädchen öfter betroffen

Seit rund 15 Jahren kämpft Lilly König mit ihrem Essverhalten. Doch durch den Lockdown verschlimmerte sich ihre Erkrankung. „Es war ein schleichender Prozess“, erinnert sich die Steuerfachangestellte. Vor der Pandemie sei sie nie in stationärer Behandlung gewesen.

Junge Frauen gelten als Hochrisikogruppe: Mädchen sind zehn Mal so häufig von Essstörungen betroffen wie Jungs. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) lag im Jahr 2019, also noch vor der Pandemie, bei rund 20 Prozent aller Jugendlichen der Verdacht auf eine solche Störung vor.

Mehr Aufenthalte im Krankenhaus

„Wir sehen in allen Studien: Durch die Pandemie ist die Zahl an Essstörungen stark angestiegen“, sagt Elisabeth Rauh, Chefärztin der Schön-Klinik Bad Staffelstein. Besonders fatal sei gewesen, dass auch Kliniken teilweise geschlossen oder stark eingeschränkt waren.

Die DAK stellt bei Jugendlichen eine deutliche Zunahme bei den Krankenhausbehandlungen wegen Essstörungen fest. Im Jahr 2021 kamen nach DAK-Angaben 17 Prozent mehr 15- bis 17-Jährige mit Essstörungen in die Kliniken als im Jahr davor. In Relation zu 2019 seien die Krankenhausaufenthalte 2021 sogar um 40 Prozent gestiegen.

Sucht wird zum Alltagsmittelpunkt

Die Nürnberger Psychologin Elke Wehowski beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Suchterkrankungen. „Eine Sucht entsteht nicht von heute auf morgen, sondern entwickelt sich langsam“, sagt Wehowski. Der Lockdown sei ein Nährboden für Suchterkrankungen und Essstörungen gewesen. „Durch die unsichere Situation und den Wegfall von Strukturen fehlte es an etwas, woran man sich festhalten kann. Man musste seinen Alltag selbst bestreiten und strukturieren“, sagt sie. Das gelinge nicht jedem.

Lilly Königs Essverhalten verschlechterte sich während der Pandemie deutlich. Sie war von Dezember 2020 bis April 2021 in einer Klinik. „Im Lockdown gab es keine Freunde oder Arbeitskollegen, die sich mit mir hingesetzt und gegessen haben. Das hat mir gefehlt”, sagt sie. Dadurch habe sie sich immer mehr mit sich selbst und ihrem ungesunden Essverhalten beschäftigt. Die Sucht wurde zum Mittelpunkt ihres Alltags.

Betroffene isolieren sich

„Essstörungen sind besonders fies“, sagt Psychologin Wehowski. Im Gegensatz zu einer Drogenabhängigkeit oder Spielsucht könne das Suchtmittel, das Essen, nicht aus dem Leben gestrichen werden.

Magersucht ist die psychiatrische Erkrankung, die bei Jugendlichen am häufigsten zum Tod führt. Doch die Sucht hat auch soziale Folgen. Betroffene isolieren sich häufig selbst und verlieren so den Kontakt zu Freunden, Bekannten und Familie. Die soziale Isolation wiederum verstärke die Suchtmechanismen. „Betroffene leiden unter der psychischen Abhängigkeit oft mehr als unter der körperlichen”, betont Wehowski.

Motivation sich Hilfe zu suchen

Chefärztin Rauh sagt: „Freunde und Familie haben oft wenig Einfluss auf die Motivation zur Genesung, gerade bei erwachsenen Erkrankten. Der Wille, gesund zu werden, muss von einem selbst ausgehen.”

Lilly König ist froh, sich Hilfe gesucht zu haben: „Die regelmäßigen Essenszeiten in der Schön Klinik, der Austausch mit anderen Betroffenen und das Wissen, dass im Notfall rund um die Uhr ein Ansprechpartner da ist, geben mir sehr viel Halt“