Mehr als 60 Jahre nach der Premiere vom “Dinner for One” erzählt Prime Video die Vorgeschichte der Silvester-Legende als Komödie in sechs Akten. Und das ist auch gut so – nicht nur wegen der tollen Besetzung.
Manche Ideen sind offenbar einfach so gut, dass bis zu ihrer Reife mitunter mehr Zeit vergeht als nötig. Der Sicherheitsgurt zum Beispiel hat nahezu ein ganzes Menschenleben gebraucht, bevor er endlich auch solche im Auto retten durfte. Den Touchscreen gab es bereits geschlagene vier Jahrzehnte, als Apple ihn 2007 erstmals ins Smartphone baute. Und wie viele Fernsehzuschauer auch danach noch lange gerätselt haben, warum ein greiser Dienstbote Silvester für Silvester vier verstorbene Freunde seiner ebenso alten Herrin bedient und dabei zusehends besoffene Kapriolen schlägt, ließ sich seit der Premiere vom “Dinner for One” 1961 im NDR nur mutmaßen.
Bis jetzt. Ab Montag nämlich erzählt Prime Video die Vorgeschichte des 18-minütigen Sketches auf 15-facher Länge. Für alle geschätzt zwölf bis fünfzehn Deutschen, die ihn noch nicht kennen: Zum 90. Geburtstag lädt Miss Sophie (May Warden) wie jedes Jahr Mr. Pommeroy, Sir Toby, Mr. Winterbottom und Admiral von Schneider auf ihren englischen Landsitz. Weil keiner der Herren mehr am Leben ist, bedient Butler James (Freddy Frinton) jedoch nicht nur vier leere Stühle. Er übernimmt auch die Rolle der werten Verstorbenen inklusive des Konsums sämtlicher Getränke – darunter 16 Drinks alkoholischer Art, die seine Körperkontrolle insgesamt elfmal am Kopf eines Tigerfells scheitern lassen.
Für Abermillionen Fernsehzuschauer gehört der Schwarzweißfilm seither zum Jahreswechsel wie Bleigießen, Böllerei, Sekt und das ungelöste Rätsel, warum eine Adlige eigentlich alleine mit ihrem Butler feiert. Dann aber fand der Münchner Komödienexperte Tommy Wosch (“Faking Hitler”) seiner eigenen Legendenbildung zufolge ein kleines Buch am Bahnhofskiosk und pimpte es zur Serie auf.
Der Inhalt – grob verkürzt: Damit ihr Landsitz nicht gepfändet wird, benötigte die verarmte “Miss Sophie” – so heißen Sechsteiler und Hauptfigur – sehr schnell sehr viel Geld: “768.504 Pfund und 63 Pence”, wie der Gerichtsvollzieher (Michael Kessler) grimmig übermittelt.
Die Mittzwanzigerin begibt sich daraufhin bei Hofe auf Partnersuche und findet fünf geeignete Kandidaten. Besagte vier Freunde in spe nämlich, damals alle noch quicklebendig. Und neu am Esstisch: ein gewisser Graf Szabos. Zum geselligen Brunch versammelt, bittet Sophie (Alicia von Rittberg) das heiratswillige Quintett unvermittelt zum Wettstreit um ihre Hand. Dabei gehört ihr Herz seit Kindertagen James (Kostja Ullmann). Weil der bürgerliche Sohn des langjährigen Butlers Mortimer (Ulrich Noethen) als Partner nicht in Frage kam, hat ihn sein standesbewusster Vater mit einer Notlüge von Sophies Seite an den Buckingham Palast vertrieben, wo James infolge seiner Leistungen im Ersten Weltkrieg bald King Edmond (Wotan Wilke Möhring) als Berater dient.
Dass James acht Jahre später wegen Mortimers Tod beim “Breakfast for six” von “Miss Sophie” erscheint, macht ihre Ehegattensuche also nicht leichter. Und als dann auch noch ein Bewerber erstochen im Bett liegt, schwillt das Prequel zu dem an, was Tommy Woschs Ko-Autor Dominik Moser “Mythologie-Erweiterung” nennt. Mit einer schlichten Entstehungsgenese geben sie sich also nicht zufrieden. Was die Regisseure Markus Sehr und Daniel Rakete Siegel wiederum prachtvoll ausgestattet zur gesellschaftspolitischen Whodunit-Murder-Mystery aufblasen. Mit viel Humor – dafür garantieren schon die vier Herren auf Freiersfüßen.
Moritz Bleibtreu als snobistischer Franzose Mr. Pommeroy, Jacob Matschenz als texanischer Großkotz Sir Toby, Frederik Lau als bürgerlicher Hypochonder Mr. Winterbottom und Christoph Schechinger als verklemmter Preuße Admiral von Schneider verkörpern hinreißende Knalltüten und eine gesellschaftskritische Groteske mit Stil. Lediglich der von Vladimir Korneevs gespielte ungarische Herzensbrecher Szabos passt nicht ganz dazu.
Schon in der ersten Folge macht Miss Sophies gestrenger Vater dabei eins unmissverständlich deutlich: “Eins ist klar, junge Dame”, herrscht er seine Tochter wegen ihrer unstandesgemäßen Beziehung zum Butlersohn an: “Du kommst nicht mit auf die Titanic.”
Dieses referenzielle Humor-Niveau halten zwar nicht alle Pointen über anarchistische Toilettenkleber und überlastete Paketzusteller, Schokoladenminzgebäck (das man eigentlich erst ab acht essen dürfe) oder Miss Sophies “England sucht den Superbräutigam” (das natürlich an ein feudales Dschungelcamp erinnert). Wie Wosch und Moser die weibliche Selbstermächtigung in einer patriarchalen Epoche mit der Gegenwart ins Verhältnis setzen, ist dennoch vorwiegend heiter, durchaus tiefgründig, vor allem jedoch: Meistens witzig.
Schließlich konnte Ufa Fiction für ihr Vorzeige-Projekt nicht nur komödiantische Vollprofis von Michael Kessler bis Dietrich Hollinderbäumer engagieren. Der Cast ist bis in allerkleine Nebenrollen hinein (Denis Moschitto, Britta Hammelstein, Tom Beck) prominent besetzt. Was gleich drei zugkräftige Sogwirkungen belegt: Die von Prime Video, die von Tommy Wosch und vor allem die einer Fernsehlegende, deren Prequel erstaunlicherweise mehr als sechs Jahrzehnte auf sich warten ließ.