Vor 25 Jahren schrieb Maria Jepsen Kirchengeschichte

Nahezu 2.000 Jahre lang blieb die Spitze der Kirchenhierarchie Frauen verschlossen. Das änderte sich vor 25 Jahren: Maria Jepsen wurde zur ersten evangelisch-lutherischen Bischöfin der Welt gewählt.

Hamburg. Minutenlanger Applaus, ein Blumenmeer und Blitzlichtgewitter: Vor 25 Jahren wurde in der Hamburger Hauptkirche St. Michaelis (Michel) die Kirchengeschichte reformiert. Am 4. April 1992 wählte die Synode der damaligen Nordelbischen Kirche die 47-jährige Theologin Maria Jepsen zur weltweit ersten evangelisch-lutherischen Bischöfin.
Nach der flächendeckenden Frauen-Ordination in allen Landeskirchen der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) war die Eroberung des Bischofsamtes nur eine Frage der Zeit. Und nirgendwo sonst waren die Chancen dafür so groß wie in Nordelbien mit seinem dreigeteilten Bischofsamt. "Ich verstehe meine Wahl als ermutigendes Zeichen für alle Frauen und Männer, aus alten patriarchalischen Strukturen auszubrechen und Kirche insgesamt offener zu gestalten", kündigte die Bischöfin an. Schon ein Jahr später formulierte Nordelbien als erste Landeskirche ihre Verfassung in frauengerechter Sprache.

Vor 25 Jahren: Maria Jepsen gelang die Sensation

Den ersten Versuch unternahm die Kieler Pastorin Rut Rohrandt im November 1990 in Schleswig, verlor aber gegen den späteren Bischof Hans Christian Knuth. Im Sommer 1991 kandidierte Oberkirchenrätin Käthe Mahn (Hannover) in Lübeck vergeblich gegen Karl Ludwig Kohlwage.
Die Sensation gelang Maria Jepsen in Hamburg. Bereits im ersten Wahlgang erhielt sie 78 von 137 Stimmen. Für ihren Gegenkandidaten, Michel-Hauptpastor Helge Adolphsen, votierten 44 Synodale. Eine Bastion war gebrochen. Am 30. August übergab Bischof Peter Krusche seiner Nachfolgerin das Amtskreuz. 

Widerstand aus den eigenen Reihen

Jepsen galt als fortschrittliche, feministische Theologin. Das rief den Protest kirchenkonservativer Gruppen hervor. Schon bei ihrer Kandidatur wurde der Untergang des Abendlandes beschworen. Der Tübinger Theologieprofessor Peter Beyerhaus erklärte ihre Wahl zur "schwersten geistlichen Katastrophe". Doch Maria Jepsen trat ihren Kritikern energisch entgegen. "Wie Kinder fromm und fröhlich sein", beschrieb sie oft ihr Lebensmotto. Geschlechterprobleme gehörten "geschwisterlich gelöst". Wichtiger als die Frage nach Mann oder Frau sei es, die Stimme der Kirche überhaupt in die Öffentlichkeit zu bringen.

"Kirche muss Stimme der Stummen sein"

Jepsen, 1945 in Bad Segeberg geboren, pflegte als Bischöfin die Basisnähe. Unermüdlich war sie in der Stadt unterwegs, besuchte die Aidshilfe, Hospize, Kitas, Krankenhäuser, Seniorenheime, Obdachlosenunterkünfte. Ihre Devise "Kirche muss Stimme der Stummen sein" führte sie fast zwangsläufig auch zu den Randgruppen der Gesellschaft. Zentrale Themen waren der ökumenische und der interreligiöse Dialog. Beste Kontakte knüpfte Jepsen zur katholischen und zur russisch-orthodoxen Kirche. Die aktive Beteiligung an der Städtepartnerschaft mit St. Petersburg geriet ihr zur Herzensangelegenheit – noch heute besucht sie mehrmals im Jahr ihre Freunde in der Stadt an der Newa.
Im April 2002 wurde sie für eine zweite zehnjährige Amtszeit wiedergewählt und bekam sogar 20 Stimmen mehr als beim ersten Mal. Doch am 16. Juli 2010 erklärte die damals 65-Jährige ihren Rücktritt. Anfang des Jahres 2010 waren Fälle sexuellen Missbrauchs durch einen Pastor in Ahrensburg (Kreis Stormarn) bekannt geworden. Der Bischöfin wurde Untätigkeit vorgeworfen – was sie zutiefst erschütterte: "So konnte ich die frohe Botschaft des Evangeliums nicht mehr weitersagen." Sie ließ sich nicht umstimmen und übernahm die kirchenpolitische Verantwortung. Die traumatisierten Opfer hätten "ein deutliches, sichtbares Zeichen" gebraucht. Sie habe sich nichts vorzuwerfen, habe aber "Schaden abwenden" wollen von Kirche und Bischofsamt. 18 Jahre lang war Maria Jepsen Bischöfin, so lange wie keiner ihrer Vorgänger. Im September 2010 verließ sie Hamburg und zog mit ihrem Ehemann Peter nach Husum. Ihren Ruhestand empfindet sie wie Urlaub: "Ich bummele immer noch Überstunden ab", sagt die heute 72-Jährige. 70 bis 80 Wochenstunden seien damals regelmäßig zusammengekommen.

"Ich muss nicht mehr in der ersten Reihe sitzen"

Seit 2014 engagiert sich die Altbischöfin für die KZ-Gedenkstätte Husum-Schwesing. Dort hatten die Nazis bis Ende 1944 ein Außenlager des KZ Neuengamme betrieben. Jepsen ist Vorsitzende des Freundeskreises. "Es ist wichtig, die Erinnerung wachzuhalten", sagt sie: "Husum ist nicht nur die Stadt des Dichters Theodor Storm."
"Ich muss nirgendwo mehr hin und auch nicht mehr in der ersten Reihe sitzen", beschreibt die Altbischöfin die Vorzüge ihres jetzigen Lebens. Sie besucht Galerien und Ausstellungen oder Kunst- und Flohmärkte. Sie liebt den weiten Blick über das Land, unternimmt lange Spaziergänge und Radtouren. Und immer noch liest und übersetzt sie Texte aus dem hebräischen Alten Testament: "Hebräisch ist voller Poesie und durchdringt das Leben bis in den profanen Alltag hinein".(epd)