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Von Rom bis Trump – Wie Zölle seit Jahrtausenden den Handel lenken

Zölle gelten vielen als Relikt vergangener Zeiten. Doch ein Rundgang durch das Deutsche Zollmuseum zeigt: Freihandel ist die Ausnahme. Eine Spurensuche zwischen römischen Quittungen und heutigen Debatten.

Im Wasser liegt ein ausgedientes Zollboot, am Ufer steht ein cremefarbener VW-Bulli aus den frühen Jahren der Bundesrepublik. Ein altes Wärterhäuschen und ein Zaun wirken wie aus einer anderen Zeit. Der rote Backsteinbau des Deutschen Zollmuseums in Hamburg liegt an einem besonderen Ort: Hier verlief einst die Trennlinie zwischen dem zollfreien Hafen und der übrigen Stadt. Früher musste hier jeder, der zollpflichtige Waren vom Hafen in die Stadt bringen wollte, eine Abgabe zahlen – während der Freihafen zollrechtlich Ausland war. Die Regelung galt bis zum Jahr 2003.

Aktuell sind Zölle in aller Munde: US-Präsident Donald Trump hat das Thema in seiner zweiten Amtszeit zur politische Waffe gemacht. Breit angelegte Importzölle und immer neue Drohkulissen sollen Handelspartner zu Zugeständnissen bewegen. Zuletzt drohte Trump sogar europäischen Ländern mit zusätzlichen Zöllen im Kontext seines Grönland-Vorstoßes – und nahm dies nach Gesprächen mit Nato-Generalsekretär Mark Rutte wieder zurück.

Ein Rundgang durch das Museum in der Hamburger Speicherstadt zeigt: Der Zoll gehört zu den ältesten Staatsabgaben überhaupt. Auf dem Gebiet des heutigen Deutschlands wurden bereits vor rund 2.000 Jahren Zölle erhoben. Mit der Ausdehnung des Römischen Reiches zwischen Rhein und Donau entstanden Zollstationen an Toren, Flussübergängen und Handelswegen. In einer Vitrine liegt die Reproduktion einer römischen Torzollquittung aus dem Jahr 41 nach Christus: Zwei Eselladungen Olivenöl, ordnungsgemäß verzollt, durften passieren.

“Die wichtigste Funktion von Zöllen war immer, Einnahmen zu erzielen”, erklärt Museumsleiterin Renate Schlief-Ehrismann. Kontrolle des Handels, die heute oft als Motiv für Zölle genannt wird, sei lange eher nebensächlich gewesen. “Staaten mussten Geld einnehmen – und der Zoll war dafür ein dankbares Mittel”, so die Historikerin.

Dass Zöllner über Jahrhunderte einen schlechten Ruf hatten, zeigt ein Blick in die Bibel. Die Zöllner Zachäus und Levi galten als Sünder; Jesus wandte sich ihnen dennoch zu. Levi wurde unter dem Namen Matthäus sogar einer der zwölf Apostel. Heute gilt er als Schutzpatron des Finanzpersonals – eine Geschichte, die im Museum mit ikonischen Darstellungen inszeniert wird.

Im Mittelalter wurde der Zoll zum allgegenwärtigen Hindernis. Wer den Rhein vom Bodensee bis zur Nordsee befuhr, musste an rund 40 Zollstationen anlegen. “Ein Tuch wurde von Basel bis Köln immer teurer”, sagt Schlief-Ehrismann. Marktzoll, Torzoll, Brückenzoll – jeder Herrscher erhob eigene Abgaben, oft mit eigenen Maßen und Währungen. Handel wurde kostspieliger, Schmuggel attraktiver.

Erst im 19. Jahrhundert begann sich das Blatt zu wenden. Der Deutsche Zollverein, 1834 gegründet, schaffte Binnenzölle ab und vereinheitlichte Regeln. “Das war ein revolutionärer Gedanke”, sagt Schlief-Ehrismann. Der Zollverein bereitete nicht nur den Weg für wirtschaftliches Wachstum, sondern auch für den Nationalstaat.

Hamburg allerdings zögerte: Die Hansestadt trat dem Reichszollgebiet erst 1888 bei – und handelte sich im Gegenzug einen Freihafen aus. Als sichtbares Ergebnisses dieses Kompromisses entstand die Speicherstadt, um Waren im Hafengebiet zwischenzulagern.

Die Idee, Zölle gezielt zum Schutz der eigenen Wirtschaft einzusetzen, ist deutlich jünger als der Zoll selbst. Sie gewann mit dem Merkantilismus und später in der Industrialisierung an Bedeutung. 1879 etwa führte das Deutsche Reich unter Otto von Bismarck Schutzzölle für Getreide und bestimmte Produkte ein, um Landwirtschaft und Schwerindustrie vor ausländischer Konkurrenz zu schützen. Damit schwenkte das Reich vom Freihandel auf einen protektionistischen Kurs um.

In der NS-Zeit dienten die Reichsfluchtsteuer und Sonderabgaben für jüdische Auswanderer der Ausgrenzung und Ausplünderung. Zwar handelte es sich dabei nicht um Zölle im eigentlichen Sinn. Sie wurden jedoch von den Finanz- und Zollbehörden eingetrieben. Juden, die sich zur Auswanderung gezwungen sahen, wurden an den Grenzen vom Zoll angehalten und rigoros durchsucht, um zu verhindern, dass sie materiellen Besitz und mehr als die erlaubten zehn Reichsmark ins Ausland mitnahmen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Zölle innerhalb Europas schrittweise abgebaut, mit der Zollunion der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft entfielen sie 1968 vollständig im Binnenhandel. Seit 1993 gibt es an den Binnengrenzen der EU keine Zollkontrollen mehr.

Weltweit gibt es heute rund 40 Handelsbündnisse, neben der EU zum Beispiel auch die Nordamerikanische Freihandelszone. “Das wirtschaftliche Wachstum aller Länder beruht zum großen Teil auf einem reibungslosen internationalen Handel”, heißt es auf einer Tafel im Museum. “Unterstützt wird dies durch die kontinuierliche Senkung und teilweise Befreiung von Zöllen.”

Dass Zölle heute wieder offen als politisches Druckmittel diskutiert werden, irritiert viele Menschen. “Zölle werden vielfach als etwas Archaisches wahrgenommen”, sagt Schlief-Ehrismann. “Doch über die Jahrhunderte haben sie vielfältige Anwendungen erfahren, sie waren nie weg.”

So existieren Zölle an den Außengrenzen der EU weiter. Weltweit erheben nahezu alle Staaten Zölle auf den grenzüberschreitenden Warenverkehr – als Einnahmequelle, als Steuerungsinstrument oder zum Schutz eigener Märkte. Der Freihandel, wie er etwa in der EU praktiziert wird, ist historisch und global betrachtet die Ausnahme.