Die Bibel hat die deutsche Sprache stark geprägt. Vielen Begiffen sieht man allerdings die Herkunft aus dem Alten und Neuen Testament gar nicht mehr an. Ein Lexikon verschafft mehr Klarheit.
Die Nachrichten sind heutzutage voller “Hiobsbotschaften”, die Welt erscheint vielfach als “Jammertal”. Wichtig ist, dass man trotzdem nicht “Schiffbruch erleidet”, “den Kopf hängen lässt” oder “Gift und Galle spuckt”.
Wer die Welt von heute beschreiben will, findet in der Bibel viele kraftvolle Begriffe und Redewendungen. Der Berliner evangelische Theologe und Pfarrer Rainer Metzner hat in seinem neuen Buch “Mit Feuereifer und Engelszungen” rund 280 Wörter und Wendungen ausgesucht, die in der Alltagssprache der Deutschen nach wie vor sehr präsent sind – und ihr Farbe verleihen.
Begriffen wie “Lockvogel” oder “Lückenbüßer” sieht man die biblische Herkunft nicht mehr an. Begriffe wie “Denkzettel”, “Jammertal” oder “sich ins Fäustchen lachen” sind älter als die Lutherbibel, haben sich aber über sie in der Volkssprache eingenistet. Bei anderen, etwa der “Hiobsbotschaft”, ist der Bezug zur Bibel klar. Wörter wie “Feuereifer”, “Herzenslust”, “Lästermaul”, “Morgenland” oder “Machtwort” hat Martin Luther für seine Bibel-Übersetzung selber geprägt.
Darüber hinaus gibt es Worte und Redewendungen, die zwar auf biblische Texte, Gestalten und Geschichten Bezug nehmen, als solche aber im Text der Heiligen Schrift gar nicht vorkommen. So ist die Redensart “von Pontius zu Pilatus laufen” ein scherzhafter, vermutlich auf mittelalterliche Passionsspiele zurückgehender Begriff. Und der Ausdruck “Nach mir die Sintflut” stammt laut Autor von der Marquise de Pompadour (1721-1764), der einflussreichen Mätresse des französischen Königs Ludwig XV.
Metzner, der an der Humboldt-Uni Neues Testament lehrt, kennt sich aus mit dem Sprachschatz des Buches der Bücher. In den vergangenen Jahren hat er unter anderen ein Buch zu Sprichwörtern und ein Buch zu Redewendungen der Bibel herausgegeben. In “Feuereifer und Engelszungen” geht es vor allem um einzelne Wörter, die in der Alltagssprache lebendig sind und oft, losgelöst von der biblischen Umgebung, ihr Eigenleben führen: In dem kleinen Lexikon erklärt er ihr Vorkommen in der Bibel, ihre Geschichte und heutige Bedeutung in der deutschen Übersetzung.
Ausdrücke wie Rüstzeug, Denkzettel, wetterwendisch, Feuertaufe, Machtwort, Schandfleck, Lückenbüßer, Gewissensbisse, Lästermaul, Lockvogel, das Ausposaunen und das Tappen im Dunkeln sind zu Gemeinplätzen geworden. Sie begegnen den heutigen Deutschen in literarischen Werken – Friedrich Nietzsche und Bert Brecht sind Paradebeispiele für die häufige Verwendung biblischer Begriffe. Aber sie tauchen auch, mitunter parodiert und witzig verfremdet, in Gebrauchstexten wie Zeitungsartikeln, Schlagern, Kalender- und Werbesprüchen, Karikaturen, Graffiti, Aufklebern oder Plakaten auf.
Den meisten biblischen Begriffen und Redewendungen ergeht es dabei laut Autor so wie Redensarten allgemein: Das Wissen um ihren Ursprung geht verloren. Der Gebrauch biblischer Redewendungen “ist längst kein Zeichen der Bibelfestigkeit mehr”, schreibt er. “Merkmal der Redensart ist gerade das Nicht-mehr-Wissen um die Quelle.”
Als evangelischer Theologe würdigt Metzner natürlich das Sprachgenie Luther. Der Reformator habe viele Begriffe der Bibel nicht wörtlich übersetzt, sondern den Menschen seiner Zeit aufs Maul geschaut. So habe er in der Genesis etwa das etwas sperrige hebräische Original, das vom Geld spricht, “wie es bei Händlern umläuft”, durch die Paarformel “gang und gäbe” ersetzt. Formuliert die katholische Einheitsübersetzung der Bibel eine Zeile aus dem Buch Prediger mit “Alles ist Windhauch”, so hat sich Luthers Formulierung “Alles ist eitel” in der Umgangssprache viel stärker durchgesetzt.
Dass sich biblische Formulierungen, Sprichwörter und Redewendungen so stark in der deutschen Sprache verankert haben und zu geflügelten Worten geworden sind, führt der Autor auf die häufige Verwendung der Texte zurück. Lange Zeit sei die Bibel in vielen deutschen Häusern das einzige Buch gewesen. “Dort und in den Kirchen wurde sie laut gelesen, viele Texte wurden mit dem Hören gelernt.” Auch als maßgebliche Schullektüre habe sie das Sprachempfinden von vielen Generationen geprägt. “Hier dürfte der Schlüssel für die vielen idiomatischen und stereotypen Wendungen liegen, die das moderne Deutsch Luther verdankt.”