Von außen wirkt Jamlitz wie ein typisch brandenburgisches Dorf: Wälder, einzelne Häuser, ein stillgelegter Bahnhof. Doch an kaum einem Ort in Brandenburg zeigt sich so exemplarisch die Gewaltgeschichte des 20. Jahrhunderts wie in Jamlitz-Lieberose. Ab 1943 befand sich hier ein KZ-Außenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen, überwiegend für jüdische Häftlinge. Nach 1945 nutzte die sowjetische Besatzungsmacht das Gelände als Speziallager für Menschen, die auf unterschiedliche Weise mit dem NS-Regime in Verbindung standen. Zwei Lager, zwei Diktaturen, ein Ort – und eine komplexe, bis heute konfliktreiche Erinnerungsgeschichte.
Einer der zentralen Akteure der Aufarbeitung ist Historiker Andreas Weigelt, heutiger Gedenkstättenleiter. Geboren in Lieberose, lebt er seit über 35 Jahren wieder in der Region. „Ich bin hier verwurzelt – und ich kannte viele Menschen, ohne zu wissen, was sie erlebt hatten“, sagt er. Anfang der 90er Jahre begann er, zunächst in Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, die Geschichte des Lagers systematisch zu erforschen.
DDR-Erinnerungspolitik und Leerstellen
„Es war natürlich erst mal überhaupt ein Gedenken, das es vorher nicht gab“, erinnert sich Andreas Weigelt. Die Gedenkstätte befand sich damals, so Weigelt, „an, wenn man so will, einem künstlichen Ort neben dem Ortsfriedhof, wo sie heute noch besteht.“ Das Lager selbst befand sich in Jamlitz. Die DDR-Erinnerungspolitik konzentrierte sich auf den antifaschistischen Widerstand, während Holocaust und jüdische Opfer kaum berücksichtigt wurden. Auch die Geschichte des sowjetischen Speziallagers blieb tabu. Dieses Schweigen wirkte lange fort.
Dass die Gedenkstätte schließlich am historischen Ort entstand, ist eng mit der evangelischen Kirchengemeinde Lieberose und Pfarrer Tilman Kuhn verbunden, der Anfang der 90er Jahre seine erste Pfarrstelle in Lieberose antrat und heute in Strausberg tätig ist. Kuhn stieß früh auf die Leerstellen der lokalen Erzählungen. Für ihn war die Unsichtbarkeit des Lagers ein zentraler Irritationspunkt: „Wenn man genau hinsah, konnte man die Latten aus den Barracken noch erkennen – sie sind verbaut in Schuppen überall im Ort.“
Zwei Opfergruppen und kein gemeinsames Gedenken
Zugleich zeigte sich, wie tief die Konflikte zwischen den Opfergruppen reichten: jüdische Häftlinge, Überlebende des sowjetischen Speziallagers und heutige Bewohner*innen des Dorfes. Jede Gruppe erinnerte an unterschiedliche Erfahrungen und Opfer; ein gemeinsames Gedenken war nicht möglich.

Hier übernahm die Kirche eine Schlüsselrolle. „Die Kirchengemeinde war der einzige ortsgebundene, aber neutral genug auftretende Vertreter, der das voranbringen konnte“, sagt Pfarrer Kuhn. Sie initiierte einen „Runden Tisch“ mit Vertreter*innen der Opfergruppen, des Zentralrats der Juden und der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. Ziel war Verständigung über die Grundlagen der Darstellung – nicht emotionale Versöhnung. Kuhns Grundsatz: „Jedes Leiden hat sein Recht.“ Darauf aufbauend entstand das Konzept „Dokumentation vor Gedenken“: wissenschaftlich fundierte Darstellung statt ritualisierter Formen, die neue Konflikte erzeugen könnten.
Geschichten gleichwertig sichtbar machen
Das KZ-Außenlager beherbergte 90 bis 95 Prozent jüdische Häftlinge aus ganz Europa. Viele starben durch Zwangsarbeit, an Hunger und Misshandlungen; bei der Lagerauflösung wurden zahlreiche nicht marschfähige Häftlinge ermordet – ein Verbrechen der Endphase des Holocausts. Im sowjetischen Speziallager saßen bis zu 10000 Deutsche ein, rund ein Drittel starb. Weigelt betont: „Das erklärt die Lager nicht, entschuldigt aber auch nicht die Toten.“ Entscheidend sei, beide Geschichten getrennt, aber gleichwertig sichtbar zu machen. Diese Trennung spiegelt sich architektonisch wider: zwei Dokumentationsbereiche mit eigenen Wegen, Texten und Stelen, verbunden durch den Ort, aber nicht vermischt.
Audioweg durch Jamlitz: Geschichte hören
Zur Aufarbeitung gehörte auch der kritische Blick auf die eigene Institution: Dokumente eines früheren Pfarrers zeigten aktive NS-Unterstützung. „Auch die Kirche trägt Schuldgeschichte, die benannt werden muss“, sagt Kuhn.
Ein wichtiger Schritt war der Audioweg durch Jamlitz, entwickelt mit dem Caruna e.V. und dem Justus-Delbrück-Haus. Er erzählt die Dorfgeschichte des 20. Jahrhunderts, mit Stimmen von Zeitzeug*innen, Überlebenden und Dorfbewohner*innen. „Man hört Geschichte dort, wo sie passiert ist“, sagt Weigelt.
Kirche bleibt Impulsgeberin
Heute ist die Gedenkstätte Teil der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. Archive, Grundstücke und Ausstellungen werden schrittweise übergeben. Kuhn betont: „Erinnerung braucht Strukturen, die über einzelne Personen hinausreichen.“ Die Kirche bleibt aber Impulsgeberin und verbunden bei Veranstaltungen, wie dem jährlichen jüdisch‑christlichen Gedenkgottesdienst am 9. November.
Kuhn und Weigelt sind sich einig: Erinnerung ist kein abgeschlossener Prozess. Sie braucht Orte – und Menschen vor Ort, die Verantwortung übernehmen. „Stolz kann man auf diese Arbeit nicht sein. Aber man kann versuchen, ihr gerecht zu werden“, sagt Kuhn.
