Klack, klack, klack macht es im Kopf. Immer noch. Um 18 Uhr muss er von der Arbeit zurück sein. 18.30 Uhr muss das Essen auf dem Tisch stehen. Bloß keine Verspätung. Alles genau getaktet. Auf den Pflegedienst abgestimmt. Der kommt 4-5 Mal am Tag. Nachts zweimal den Wecker stellen, aufstehen, die geliebte Frau versorgen, klack, klack, klack, jeden Tag. „Nichts gehörte dem Zufall“, sagt Jochen Springborn.
Seine Frau Anke war schon als junge Frau oft schnell erschöpft, 1993 kam die Diagnose: Multiple Sklerose. Da kannten sie sich vier Jahre. Der Pfarrerssohn aus Greifswald und die „waschechte Berlinerin“ aus Karlshorst fanden sich 1989 im Sommerlager von Aktion Sühnezeichen. 2001 heirateten sie auf dem Standesamt, ein Jahr später kirchlich. Eine Tochter wurde geboren.
Der ganze Tagesablauf auf Pflege ausgerichtet
Die Beeinträchtigungen durch Ankes Muskelschwäche schlichen sich erst nach und nach ins Leben. Bis die Pflegesituation das gesamte Leben der Familie dominierte. 30 Jahre lang Veränderungen der Beweglichkeit und Kommunikation. Seit 2001 der Rollstuhl. Stetige Erhöhung der Pflegegrade. Ein 24/7-Job neben seinem beruflichen Vollzeit-Job als stellvertretender
Abteilungsleiter. „Der ganze Tagesablauf richtete sich danach, wann welche Pflegehandlung notwendig war. Wann kommt welcher Pflegedienst? Wann welcher Therapeut, welche Helfer? Das hat dem ganze Tag Struktur und Inhalt gegeben.“ Freunde und Bekannte unterstützten die Familie. Dafür ist er bis heute dankbar. Aber sieben Tage die Woche traf er auf „fremde Menschen“ in der Wohnung. Sie öffneten Schränke, um Kleidung herauszunehmen, hielten sich im Bad, im Schlafzimmer, in der Küche auf. „Ich hatte keinen Rückzugsort für mich mehr.“
Keine Privatsphäre – ein notwendiger Kompromiss, der die Pflegearbeit erst ermöglichte. Denn vor etwa zehn Jahren landete er in der Notaufnahme. Totale Überforderung. „An Pflege, Arbeit, Haushalt und Schlafen bin ich buchstäblich kaputtgegangen. Egal, wie Sie es anstellen, Sie sind nie fertig.“ Danach organisierten sie die Pflege um, holten sich mehr
Hilfe von außen. Er selbst ging arbeiten, um die Pflegekosten begleichen zu können. Zuletzt um die 3300 Euro im Monat als Eigenanteil. Ohne die Unterstützung seiner Arbeitgeberin, der Evangelischen Schulstiftung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-Schlesische Oberlausitz, hätte der studierte technische Gebäudeausrüster das nicht geschafft. „Ich musste funktionieren.“
Spontan Spazierengehen? Im Winter brauchte das eine Stunde Vorlauf mit Anziehen, in den Rollstuhl setzen, mit dem Lift die Treppen vor dem Haus hinunter. Abends mal ins Konzert? Funktioniert nur barrierefrei. Selten in Berlin, sagt Jochen Springborn. Nach dem Konzert schnell zurück, weil sonst die Pflege vor der Tür steht. Alles genau vorplanen, hämmert
es in Jochen Springborns Kopf. Auch wenn er mal aus dem Haus geht.
2022 bekommt er den Berliner Pflegebär von der damaligen Regierenden Bürgermeisterin Franziska Giffey während der Woche der pflegenden Angehörigen überreicht. Viele hatten ihn dafür vorgeschlagen. 2023 lud ihn ein Redakteur als Gast in die Talkshow „Hart aber fair“ zur Pflege ein. Anke sagte: „Du musst dahin für mich!“ Nach 20 Jahren Pflege kann er über die Situation von Pflegebedürftigen und Pflegenden so viel berichten. Heute ein Vermächtnis.
Dann war auf einmal alles weg. Struktur weg, Hauptaufgabe weg. Pflegepersonen weg, seine Frau nicht mehr da. Am 2. Dezember vor einem Jahr starb Anke plötzlich. „Danach tat sich ein bodenloser Abgrund auf. Die Vollbremsung von 120 Prozent auf null war wirklich das Einschneidendste“, erinnert er sich. „Das ist ein völlig neues Leben. Die antrainierten,
einstudierten Abläufe funktionieren alle nicht mehr.“
Jetzt könnte Jochen Springborn spontan tun, was er möchte. Einfach die Jacke vom Haken nehmen und rausgehen. In die Philharmonie fahren, später oder früher zu Abend essen oder gar nicht. Lange unterwegs sein. Aber: „Wenn Sie Ihr Leben zehn bis fünfzehn Jahre lang darauf trainiert haben und dann plötzlich an dem Punkt sind, können Sie es gar nicht.“
Das Leben neu erfinden
Absolutes Neuland für den 56-jährigen Familienvater. „Ich muss mein Leben neu erfinden“, sagt er und atmet schwer. „Ich habe die Möglichkeiten zu tun, was ich will. Aber oft komme ich an den Punkt, dass ich überhaupt nicht weiß, was ich will.“ Sonst ging es zuerst darum, was für seine Frau gut ist, für sie beide, nicht um seine Interessen. Tat er doch mal etwas nur für sich, meldete sich sofort das schlechte Gewissen. Schließlich war er aufgewachsen und erzogen, anderen Menschen zu helfen, nicht zuletzt durch den Vater, der Landespfarrer für Diakonie war.
Nun versucht er, sein Leben neu zu erfinden. „Aber diese neue Freiheit zu nutzen und zu genießen, ist echt schwierig.“ Als ihn vor Kurzem jemand nach seinen Hobbys fragte, war da nur ein schwarzes Loch. „Weiß ich nicht“, flüstert er auch jetzt kaum hörbar. Etwas fällt ihm doch ein: Rad fahren, viel lesen, Kulturelles erleben, Trompete spielen. Lesen kann er allerdings schon seit Jahren nicht mehr. Kein Platz im Kopf. Die Trompete liegt auch im Schrank. Aber er hat im Blick, dass in Friedrichshagen und in Karlshorst ein Posaunenchor probt.
Die neue Jahreslosung „Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu“ klingt, als wäre sie sein Jahresmotto. Aber wie könnte das aussehen? Nach der Reha kam er nicht wieder in sein altes Leben zurück, sagt er. „Das gibt es nicht mehr.“ Jetzt erlebt er einen Schwebezustand: Das Alte ist zu Ende. „Brutal dramatisch zu Ende. Aber es ist noch nichts Neues da.“ Auf dem Tisch
liegt ein schwarzes Buch, eine Art Materialsammlung. „Mir fallen jetzt Situationen und Begebenheiten in der Pflege ein, an die ich jahrelang nicht gedacht habe.“ Die schreibt er auf, um sie nicht zu vergessen. Vielleicht beginnt da eine neue Weite im Kopf.

Er ist dabei, Neues auszuprobieren. „Ich bin sehr zögerlich“, räumt er ein. Das liegt auch an Gefühlen, die miteinander streiten. Nach dem Abgrund und der Erschöpfung, die er spürte, fühlte er auch Erleichterung. „Ich kann mein Glück noch gar nicht fassen, dass ich die Last los bin.“ Doch der Preis dafür ist hoch: Seine Frau ist nicht mehr bei ihm. Darf er sich
überhaupt darüber freuen? In der Reha lernte er, dass beides sein Recht hat: die Freude und die Trauer. „Mir hat ganz viel geholfen, dass ich beides zulassen darf. Beides ist gegangen: das Schöne und das Schwere.“ Gelernt hat er auch, dass die Trauer ihre Zeit haben, aber kein Dauergast werden, ihn nicht besitzen darf. Sie ist nur ein Gast. „Wenn nur noch die Narben sichtbar sind und deine Seele wieder singen lernt. Dann wirst Du sie entlassen“ steht in einem Buch, das
er hervorholt.
Glaube und Liebe haben ihn all die Jahre durchhalten lassen. „Liebe ist die Kraft, der Gegenwart gerecht zu werden, war unser Lebensmotto.“ Und noch ein Satz eines Freundes fällt ihm ein: „Der Glaube ist die Kraft, die der Liebe Hoffnung gibt.“ Eine Variante zu ihrem Trauspruch: „Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen“ (1. Korinther 13,13). Im Familienkreis der Stadtkirchengemeinde in Berlin-Köpenick fühlt er sich zu Hause. Dort war er auch mit seiner Frau.
Lebensfreude wiederfinden
Was wünscht er sich am meisten, was neu werden soll, womit er Gott beim Wort nehmen möchte? „Lebensfreude wiederfinden. Unbeschwert sein, lachen und Situationen genießen können. Kein schlechtes Gewissen mehr haben, weil es mir gut geht. Trauer in Erinnerung wandeln. Schöne Erinnerungen behalten und sich trotzdem über das Leben jetzt freuen.“ Aber das ist nicht einfach, fügt er hinzu.
Wenn er zurückschaut, sagt er sich: „Wir haben getan, was wir konnten. Ich denke, es war gut so.“ Auch der Abschied im Krankenhaus. Er spürt keine Verbitterung. Manchmal geht er aus, besucht Konzerte, trifft sich mit Freunden. Die Menschen, die sie in der Pflege unterstützten, sind auch weiter für ihn da.
Was würde seine Frau sich für seinen Neuanfang wünschen? „Dass ich glücklich bin. Natürlich auch, dass ich mich an sie erinnere, aber nicht, dass ich deswegen nur traurig herumlaufe.“
