Einsichten – die christliche Kolumne

Vertrauen wagen

Über das Vertrauen seines Vaters in Gott schreibt Pastor Tilman Baier. Er ist Chefredakteur der Evangelischen Zeitung und der Kirchenzeitung MV.

Der Predigttext des folgenden Sonntags lautet: „Die Güte des HERRN ist’s, dass wir nicht gar aus sind, seine Barmherzigkeit hat noch kein Ende.“ aus Klagelieder 3, 22-26

Bis zu seinem sanften Sterben im hohen Alter hatte er sich sein Gottvertrauen bewahrt. Selbst als er schon fast nichts mehr sehen konnte, war er fröhlich und dankbar für jedes noch so kleine schöne Erlebnis. Dabei hatte er vor allem in jungen Jahren viel Schweres durchleben müssen. Er gehörte zu der Generation, die von der Schulbank weg in den Krieg geschickt wurde. Er überlebte – doch dann kamen die harten Jahre der sowjetischen Kriegsgefangenschaft, verschärft durch die Scham der Einsicht, dass sie Ergebnis einer großen Schuld war, die Deutschland und damit auch er auf sich geladen hatte. Er überlebte auch dies – doch als er endlich seine Heimatstadt wiedersah, lag diese in Trümmern. Kurz vor seiner Heimkehr war seine Mutter, an der er sehr hing, gestorben. Dann kamen gute Jahre, in denen es langsam wieder aufwärts ging und er durch eine große Liebe wieder Heimat fand. Doch kurz nach der Geburt des dritten Kindes starb seine Frau wegen einer falschen medizinischen Behandlung.

Was ich an meinem Vater bis heute bewundere, ist, dass er nicht verbitterte und seinen Glauben an einen gütigen Gott nicht verlor. Ihm war klar, dass dies nicht selbstverständlich war, sondern ein großes Geschenk. Das half ihm, offen zu bleiben für Neues wie eine neue Liebe. Das half ihm auch später, die zunehmenden Beschwernisse des Alters zu tragen und auch im Sterben seine Hoffnung auf die Güte seines Gottes zu setzen.

Mir hilft es, dass ich immer wieder Menschen begegnet bin, die ihr Gottvertrauen in schweren Krisen bewahren konnten und durch ihren Glauben da getragen wurden. Eine solche stärkende Begegnung hält auch der Bibeltext für diesen Sonntag bereit: In den Klageliedern beweint ein großer Dichter, dass seine Heimat zerstört ist. Seine Lieder sind ein einziger Schmerzschrei, verschlimmert durch das Wissen, dass dies Unheil durch die Schuld seines Volkes hereinbrach. Und doch hält er fest an seinem Gott, wagt, auf sein Erbarmen zu vertrauen – und dass er Wege in eine bessere Zukunft öffnet.

Unser Autor
Tilman Baier ist Chefredakteur der Evangelischen Zeitung und Mecklenburgischen & Pommerschen Kirchenzeitung.

Zum Predigttext des folgenden Sonntags schreiben an dieser Stelle wechselnde Autoren. Einen neuen Text veröffentlichen wir jeden Dienstag.

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