Eine herzerwärmende Geschichte zum Ende eines ansonsten schwierigen Jahres in den USA: Von einem, der lieber gibt als nimmt.
Jeder Amerikaner, der nach Europa reisen möchte, kennt ihn. Rick Steves bringt seinen Landsleuten seit Jahrzehnten den alten Kontinent nahe. Seine Fernsehserie “Rick Steves’ Europe” im öffentlichen Sender PBS läuft seit den 1990er Jahren, inzwischen in der 13. Staffel. Seine Reiseführer verkaufen sich millionenfach. Der Name ist patentiert.
Der 70-Jährige gilt als Inbegriff für richtiges Reisen. Er versteht sich als Brückenbauer zwischen den Kulturen und will seinen Landsleuten zeigen, was sie von anderen Ländern lernen können. Er hat nach eigenen Schätzungen rund ein Drittel seines Lebens auf Reisen verbracht.
Anfang November saß Steves in Phoenix, Arizona, und blätterte online durch die Nachrichten seiner Heimatstadt Edmonds bei Seattle im US-Bundesstaat Washington. Ein Artikel erregte seine Aufmerksamkeit. Das Lynnwood Hygiene Center, eine gemeinnützige Einrichtung für Obdachlose, stand vor dem Aus. Der Grundstückseigentümer wollte verkaufen. Mitte Dezember sollte Schluss sein.
Steves kannte das Gebäude. Es liegt nur zwei Straßen von der lutherischen Kirche entfernt, dessen Gemeinde er angehört. Dass dort monatlich rund 700 Obdachlose duschen, ihre Wäsche waschen und eine warme Mahlzeit erhalten, war ihm jedoch nicht bekannt. Diese Menschen blieben in der Gesellschaft weitgehend unsichtbar.
Nicht für Sandra Mears, die seit der schlechten Nachricht vom anstehenden Verkauf kaum noch schlafen konnte. “Nicht in meiner Zuständigkeit”, hatte sich die Direktorin des Zentrums geschworen. “Wir dürfen das nicht verlieren.” Doch die Suche nach Finanzierungsquellen gestaltete sich schwierig. Nachdem ein potenzieller Retter nach dem anderen abgesagt hatte, plante sie eine Abschiedszeremonie kurz vor Weihnachten.
Dann erhielt sie eine E-Mail von Steves, der sich nach dem Zentrum erkundigte. Der Rest ist Geschichte. Am 15. Dezember unterschrieb “Mister Europa” den Kaufvertrag. 2,25 Millionen Dollar für ein ehemaliges Abgasprüfzentrum, das seit 2020 als Zufluchtsort für Menschen am Rand der Gesellschaft dient.
“Ich nehme das Gebot, seinen Nächsten zu lieben, wirklich ernst”, erklärte der praktizierende Christ in einem Interview mit der “Washington Post”. “Warum sollte ich dieses Geld auf der Bank liegen lassen, wenn es diesen Menschen helfen kann?” Möglicherweise motivierte ihn dabei auch seine eigene Begegnung mit dem Schicksal. Nach einer unerwarteten Prostatakrebsdiagnose kämpfte Steves gegen die Krankheit und besiegte sie.
Das Obdachlosenzentrum soll nun nicht nur weiterbetrieben, sondern ausgebaut werden. Ein anonymer Spender steuerte zusätzlich 250.000 Dollar für Renovierungen bei. Steves plant neue Duschen, Industriewaschmaschinen und eine Fahrradwerkstatt. Im Winter soll die Einrichtung als Kälteschutzraum dienen.
Für die Menschen, die dort Hilfe suchen, bedeutet die Rettung mehr als nur weiterhin warmes Wasser. “Es ist ein Ort, an dem sie gesehen werden und Freunde treffen”, sagt Mears. “Menschen, die sich um sie kümmern. Es geht um menschliche Würde.” Die Nachricht vom Kauf habe den Obdachlosen gezeigt, dass sie wertvoll seien.
Steves selbst ordnet seine Großzügigkeit nüchtern ein. Er spricht von “stellvertretendem Konsum”, davon, dass ihm das Geben Freude bereite. Zugleich warnt er davor, private Wohltätigkeit als Ersatz für staatliche Verantwortung zu sehen. “Man könnte alle Wohltätigkeitsorganisationen zusammenlegen, alle netten Kerle wie mich”, sagte er der “Washington Post”. “Und es wäre ein Klacks im Vergleich zu dem, was unser Präsident mit einem Federstrich tun könnte.”
Dass ausgerechnet ein Mann, der sein Leben damit verbracht hat, seinen Landleuten die sozialen Systeme Europas näherzubringen, nun selbst einspringen muss, um ein Obdachlosenzentrum zu erhalten, klingt schlüssig, entbehrt aber nicht einer gewissen Ironie. Die Abhängigkeit von einem einzelnen wohlhabenden Spender illustriert die Kehrseite des amerikanischen Traums.
Steves selbst sieht darin eine Lektion, die über Konfessionen und Kontinente hinausreicht. “‘Liebe deinen Nächsten’ hat nichts mit räumlicher Nähe zu tun”, sagt der Mann, der Amerikanern die Welt näher bringt. “Das habe ich als Reisender gelernt.”