Schnelle Schritte, regelmäßige Blicke über die Schulter, ein fester Griff an der Handtasche. Auf dem nächtlichen Nachhauseweg gilt: volle Aufmerksamkeit. Wer jetzt noch alleine unterwegs ist, vermutet hinter jedem Schatten eine Gestalt, wechselt bei Bedarf die Straßenseite und schickt schon bevor er losgeht den eigenen Standort per App an Familie und Freunde. Stets mit dabei: die Sorge, Opfer zu werden.
Sunny Graff will den Frauen helfen, nicht Opfer zu werden. Sie hat in Frankfurt vor mehr als vier Jahrzehnten eine Kampfkunstschule gegründet, in der Frauen lernen, sich zu verteidigen. Auch Selbstvertrauen ist Teil des Trainings.
Zahlen des ARD-Deutschlandtrends und des Bundesinnenministeriums aus dem Jahr 2024 zeigen, dass Frauen Unterstützung gebrauchen können: Demnach seien 54 Prozent aller Frauen in Deutschland „eher“ oder „sehr unsicher“ im öffentlichen Raum. Besonders in der Dunkelheit verstärke sich dieses Gefühl. Mehr als die Hälfte der befragten Frauen meide nachts bestimmte Orte oder Verkehrsmittel, um sich vor Kriminalität zu schützen.
Doch nicht nur draußen auf der Straße sehen sich Frauen mit Gewalt konfrontiert. Auch in geschützten Räumen wie dem eigenen Zuhause sind Frauen immer wieder von Belästigung und Übergriffen betroffen. So wurden etwa im Jahr 2024 nach Angaben des Bundeskriminalamts 171.100 Fälle von partnerschaftlicher Gewalt registriert – fast 80 Prozent der Opfer waren weiblich. Die Dunkelziffer sei hier besonders hoch, da viele Frauen Angst davor hätten, die Täter anzuzeigen.
Sunny Graff und ihre Mitsteriterin Aylin Çaka kennen dieses Gefühl der Hilflosigkeit. „Ich wurde von jedem ausgenutzt und angemacht“, erzählt Graff. Mit „jedem“ meint die 74 Jahre alte US-Amerikanerin „jeden Mann“. Denn es waren Männer, die sich ihr gegenüber respektlos verhielten, ihr zu nahe kamen, sie bedrängten und davon überzeugt waren, dass Graff sich nicht wehren würde – einfach weil sie eine Frau ist. Damals habe sie nichts gegen diese Männer unternehmen können. Wie viele andere Frauen hatte Graff Angst, dass die sexuelle Belästigung durch ihre Abwehr noch schlimmer würde.
„Uns wird oft gesagt, dass wir nicht stark seien“, sagt Çaka. Von Frauen werde erwartet, dass sie von klein auf in „klassische“ Rollenbilder passten. Sich das erste Mal dagegen aufzulehnen, brauche Mut, betont die 26-Jährige. „Es ist wie ein Schalter im Kopf, den man erst einmal umlegen muss.“ Mut musste auch Graff beweisen, als sie in ihren 20ern „ausbricht“. Im Ohio der 1970er Jahre beginnt sie mit Taekwondo. Die Kampfkunst ist damals eine echte Männerdomäne. Trotzdem gewinnt sie nationale und internationale Wettbewerbe und wird Großmeisterin.
Doch das Gefühl, im und außerhalb ihres Sports nicht gleichgestellt zu sein, sei geblieben. „Ich war so wütend. Und ich hatte als Frau keinen Platz, meine Wut irgendwie herauszulassen, weil die Zeiten so anders waren.“ In der Frauenbewegung an ihrer Universität findet Graf einen Raum, in dem ihre Wut zum Antrieb für feministische Arbeit wird.
Dort bringt sie unter anderem Frauen zum ersten Mal Techniken zur Selbstverteidigung bei. Ihre Ziele: Gewaltprävention und gleichzeitig Empowerment für Frauen. Unter Empowerment seien Strategien und Maßnahmen zu verstehen, die den Grad an Autonomie und Selbstbestimmung im Leben von Menschen oder Gemeinschaften erhöhen. Besonders bei „Female Empowerment“ gehe es darum, Frauen zu ermöglichen, ihre Interessen eigenmächtig, selbstverantwortlich und selbstbestimmt zu vertreten.
Empowerment bleibt auch nach Graffs Umzug nach Deutschland der Fokus ihrer Arbeit. Mitte der 1980er Jahre gründet sie zusammen mit einer anderen Aktivistin und Kampfsportlerin den Verein „Frauen in Bewegung“ (FIB) in Frankfurt am Main, eine Kampfkunstschule speziell für Frauen.
In dieser Schule besucht Aylin Çaka 2009 im Alter von zehn Jahren ihren ersten Selbstverteidigungskurs. Heute unterrichtet sie – genau wie Graff – Taekwondo und Selbstverteidigung. Damit ist sie eine von über 40 Trainerinnen, die durchgehend mehr als 300 Frauen und Mädchen betreuen. Da Stärke oft auch Kopfsache ist, vermitteln die Trainerinnen in jeder Trainingsstunde zusätzlich mentale Stärke. Sie ermutigen ihre Schülerinnen, auch außerhalb des Vereins mutiger zu sein.
Durch Erfolgserlebnisse im Training und die Förderung der Gemeinschaft stärkt FIB Frauen und Mädchen körperlich und mental. „Frauen in Bewegung ist ein Ort, wo wir natürlich viel feministische Arbeit machen, aber es ist auch ein Ort des Zusammenkommens. Wir haben auch einfach ganz viel Spaß hier“, erzählt Çaka. Ihr gehe es im Training nicht darum, dass die Frauen lernen, selbst Gewalt auszuüben. „Es geht darum, dich stark zu fühlen, dich groß zu machen, laut zu sein und Respekt einzufordern.“ Es sei schön zu sehen, wie jede Frau und jedes Mädchen auch eine individuelle Entwicklung durchlaufe.