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Ukrainische Binnenflüchtlinge im Kampf gegen Armut und Kälte

Millionen Binnenflüchtlinge in der Ukraine sind in diesem Kriegswinter weitgehend auf sich allein gestellt. Vom Staat kommt kaum Hilfe. Die Bewegung Sant’Egidio kümmert sich um jene, die durchs Raster gefallen sind.

Wer in den Abendstunden dieses Winters in der ukrainischen Hauptstadt Kiew ohne Taschenlampe nach Hause geht, kann sich in der Dunkelheit leicht verirren. Straßenbeleuchtung? Fehlanzeige. Hinzu kommt vielerorts ohrenbetäubender Lärm. Der kommt von den Geschäften, die bei den oft zwölfstündigen täglichen Stromausfällen auf Benzin-Generatoren zurückgreifen müssen.

Wer genug Geld hat, kommt auch bei mehreren Stunden Stromausfall problemlos über die Runden. Eine Powerstation sorgt in entsprechenden Wohnungen dafür, dass die Ausfälle gar nicht wahrgenommen werden. Wer jedoch arm ist, und das gilt für den Großteil der Bevölkerung, kann sich keine mobile Stromquelle leisten. Dann müssen Akkulampen ausreichen – und aus dem Gefrierfach des Kühlschranks tropft das Wasser, wenn die Energieversorgung mal wieder unterbrochen ist.

Vor allem das Leben der landesweit rund vier Millionen Binnenflüchtlinge ist von Einsamkeit, Armut, Kälte und Dunkelheit geprägt. Früher – vor dem Krieg – hatten sie eine beheizte Wohnung, Arbeit, genug zu essen. Doch jetzt, nach der Flucht aus den umkämpften Gebieten, sind sie in Städten wie Kiew einem wirtschaftlichen Existenzkampf ausgesetzt. Dabei sind sie weitgehend auf sich allein gestellt: Vom ukrainischen Staat kommt kaum Hilfe.

Die katholische Laienvereinigung Sant’Egidio zählt zu den Organisationen, die jenen beistehen, die durchs Raster gefallen sind. Man sieht die Helferinnen der Gemeinschaft häufig an U-Bahn-Stationen, auf dem zentralen Maidan und anderen Knotenpunkten der Metropole. Sie haben Tragetaschen voller Lebensmittel dabei, die sie an Bedürftige verteilen. Viele der Notleidenden sind Binnenflüchtlinge, etliche von ihnen obdachlos.

“Ich bin seit drei Jahren in Kiew”, berichtet Andri (Name geändert) aus einer ostukrainischen Stadt, die von russischen Truppen besetzt ist. Auch er ist zum Treffpunkt von Sant’Egidio im Stadtzentrum gekommen. Hier ist es warm, man bekommt etwas zu essen, auch Kleidung. Vor dem Krieg war Andri Techniker bei einem Internet-Provider. Doch der Krieg hat ihn aus der Bahn geworfen. Wochenlang saß er isoliert im Keller – aus Angst vor den russischen Luftangriffen. In dieser Zeit hat er mit dem Trinken angefangen. Dann kam eine Krebserkrankung dazu. Schließlich wurde seine Heimatstadt evakuiert.

Nun lebt er in Kiew bei Bekannten. “Ich bin heute bei Sant’Egidio, weil ich Handschuhe brauche in dieser Kälte”, erzählt der Mann. Von der Gemeinschaft bekomme er aber nicht nur Kleidung: Hier habe er psychologische Hilfe erhalten – nicht zuletzt gegen die Sucht. “Seit einem Jahr trinke ich keinen Alkohol mehr”, sagt er und lächelt zuversichtlich.

“In den ersten Monaten des Krieges sind wir von Menschen, die Hilfe suchen, förmlich überrannt worden”, berichtet Ljudmilla Charchenko, Leiterin der Kiewer Zweigstelle von Sant’Egidio, der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Sant’Egidio ist eine 1968 in Rom gegründete und heute in 70 Ländern aktive Bewegung, die sich karitativer Arbeit, Diplomatie in Kriegsgebieten sowie dem Dialog der Religionen widmet. Sie hat laut eigenen Angaben rund 60.000 Mitglieder.

Zahlreiche Ukrainer suchen nicht nur Schutz, sondern vor allem eine Möglichkeit, den traumatischen Alltag zu bewältigen. “Für sie sind die Stunden bei uns die einzige Möglichkeit, in diesem Krieg nicht den Verstand zu verlieren”, sagt Charchenko. Einige der aus dem Osten Geflohenen seien inzwischen selbst freiwillige Helfer – und somit zu einem Teil der Gemeinschaft geworden.

Regelmäßig verteilt die Gruppe Lebensmittel, lädt Bedürftige in ihre Räumlichkeiten ein. Und wenn jemand, der regelmäßig zur Essensausgabe gekommen ist, auf einmal nicht mehr erscheint, erkundigen sich die Helfer nach dem Verbleib. “Einsamkeit, auch unter jungen Menschen, ist ein großes Problem”, so Charchenko.

Sant’Egidio fördert auch Cohousing-Modelle für Senioren und Menschen mit mentalen Beeinträchtigungen. Nicht alle, die Anlaufstellen der Gruppe in Kiew aufsuchen, sind Christen. “Wir verbinden Menschen – unabhängig vom Glauben”, erläutert Charchenko. Die Arbeit mit den Schwächsten der Gesellschaft wirke wie ein gemeinsamer Nenner, der alle vereine.

Das bedeute jedoch nicht, dass der christliche Glaube im Alltag keine Rolle spiele. Charchenko erzählt von Menschen, die während der Flucht unter Bombardements zum ersten Mal das Vaterunser gebetet oder eine Bibel in die Hand genommen hätten. Für manche sei das tägliche gemeinsame Gebet fortan zu einem zentralen Moment innerer Stabilität geworden. Die Sant’Egidio-Helferin betont: “Das Gebet bewahrt uns alle vor dem Ausbrennen.”