„Ünner wiidem Himmel“ – das Buch der plattdeutschen Lieder

Pastor Cord Denker schreibt plattdeutsche Texte für bekannte Lieder, bald erscheinen sie in einem Buch. Begonnen hat seine Platt-Begeisterung auf ungewöhnliche Weise: bei einer Beerdigung.

Bettina Albrod

Bargteheide. „Loot di sehn, o Gott, / loot di sehn … / Lot de Minschenwelt / nich alleen: / O Gott, loot di sehn.“ So beginnt ein Kirchenlied von Pastor Cord Denker zur Melodie von „Kumbaya“. Seit 40 Jahren schreibt der 81-jährige Theologe aus Bargteheide Kirchenlieder auf Plattdeutsch, denen er bekannte Melodien unterlegt, die jeder mitsingen kann. Im Herbst erscheint sein plattdeutsches Gesangbuch für die Nordkirche mit 218 Liedern, Herausgeber ist der Nordelbische Arbeitskreis „Plattdüütsch in de Kark“.
„Ich habe Plattdeutsch erst gelernt, als ich 40 Jahre alt war“, sagt der Pastor im Ruhestand, „das habe ich mir nach und nach angeeignet.“ Schnell merkte er, dass er auf Plattdeutsch gut reimen konnte. „Das Plattdeutsche hat in mir die Kreativität freigesetzt“, sagt Denker, „für mich hat die Sprache eine besondere Bedeutung, das war wie eine Entdeckung.“ Kontrafaktur nennt sich die Methode, bei der er alte Melodien mit neuen Texten versieht, die immer auch aktuelle Bezüge haben. „Ich habe die Deutschland-Hymne neu gedichtet und dabei die Wende aufgenommen, meine Lieder müssen zur Zeit passen.“ Zur Elbphilharmonie gibt es eins, zum Anschlag auf den Weihnachtsmarkt in Berlin oder zum Lutherjahr 2017. Die Lieder nimmt Denker mit in seine plattdeutschen Gottesdienste, die eine Alternative zum hochdeutschen Angebot sein sollen und die er vor allem im ländlichen Raum um Hamburg hält.

30 Platt-Gottesdienste pro Jahr

„Ich fühle mich wohl mit dem Plattdeutschen“, sagt Cord Denker, „das soll meine Gemeinde sich auch. Wir Plattdeutschen gehen davon aus, dass das Plattdeutsche näher an den Menschen herankommt. Man muss mehr hinhören, und der Klang der Sprache berührt.“ Insbesondere bei plattdeutschen Beerdigungen, für die er immer wieder angefordert wird, sei das zu spüren. „Mein erstes plattdeutsches Lied habe ich zu einer Bauernbeerdigung zur Melodie von ‚Geh aus mein Herz‘ geschrieben.“ Heute gebe es nicht mehr viele Pastoren, die auf Niederdeutsch predigten, da ist er einer von wenigen im Norden. 20 bis 30 Gottesdienste im Jahr hält der Bargteheider auf Platt. „Ich habe im Plattdeutschen meine pastorale Identität gefunden.“
Knapp tausend Lieder hat Denker in den Jahren gedichtet, einige sind bereits 2001 in das plattdeutsche Gesangbuch „Op goden Kurs“ für Nordelbien aufgenommen worden, weitere in eine Liedersammlung für Niedersachsen. Nun kommt ein eigenes Gesangbuch heraus, das den Arbeitstitel „Ünner wiidem Himmel“ trägt. Das Dichten ist für ihn Berufung, aber auch Handwerk. Dabei geht es Cord Denker um Silbenzahl, Betonung, Reim, Humor, Wirkung und Sinnfrage, denn jedes Lied möchte etwas transportieren. „Ich schaffe Neues im Lied“, so der Theologe, „die Melodien bleiben, aber das Wort ändert sich ständig.“ Gern dichtet er zur Melodie des „Schneewalzers“, zu „Weil du miin Leevsten bist“, zu Volksliedern oder zum „Danke“-Lied, denn da können die Menschen mitsingen. „Ich schaffe neue Texte auf Platt, die noch nicht von Dogmatik überfrachtet sind.“

Hochdeutsche Bibel immer dabei – zur Sicherheit

Mit seinen plattdeutschen Texten greift Pastor Denker eine Tradition auf, denn schon vor Luther gab es Bibelübersetzungen auf Plattdeutsch fürs Volk. Weil heute kaum noch jemand die Sprache spricht, hat er stets auch die hochdeutsche Version dabei. Wichtig ist ihm, dass er die Lieder mit der Gitarre begleiten kann – auch das hat er sich selber beigebracht. Das Niederdeutsche ist für den Pastor unbedingt erhaltenswert: 1999 unterzeichnete Deutschland die Europäische Charta der Regional- oder Minderheitensprachen, seitdem steht in Deutschland das Niederdeutsche unter dem Schutz der Charta.