Bestätigung für Betroffene: Viele Fälle von Kindesentzug in der DDR erfolgten unter massivem Druck. Eine neue Studie erklärt auch, welche zentrale Funktion der Begriff “Zwangsadoption” bis heute hat.
Immer wieder berichten Menschen aus der früheren DDR von Kindesentzug und Zwangsadoptionen; eine neue Studie hat diese Erfahrungen nun bestätigt. Wie das Deutsche Institut für Heimerziehungsforschung Berlin am Donnerstag mitteilte, zeigt das Forschungsprojekt “Zwangsadoptionen in der SBZ/DDR von 1945-1989”, dass viele Kindesentzüge in Drucksituationen und mit unverhältnismäßiger Härte zustande gekommen seien. Diese Eingriffe seien “Teil des Systemunrechts der SED-Diktatur” gewesen, heißt es in der Studie eines interdisziplinären Teams von Wissenschaftlern unter der Leitung des Instituts.
Der Begriff “Zwangsadoption” entstand laut Studie in den 1960er Jahren im Kontext des Kalten Krieges. Er bezog sich ursprünglich vor allem auf Kinder sogenannter Republikflüchtlinge, denen eine Rückkehr zu ihren Familien verwehrt wurde. In der Folge sei er medial und politisch ausgeweitet worden und habe sich zu einem Sammelbegriff für unterschiedliche Formen staatlicher Eingriffe gebildet. Auch wenn der Begriff wissenschaftlich nicht alle Konstellationen präzis abbilde, erfülle er bis heute eine zentrale Funktion für Betroffene: “Er schafft Sprechfähigkeit über erlebtes Leid, Ohnmacht und Unrecht in der SED-Diktatur.”
Zwar könne die Studie das Bild einer “politisch motivierten, flächendeckend organisierten ‘Kinderraub-Praxis'” nicht bestätigen. Zugleich aber dürfe “das bedrückende Schicksal vieler Betroffener nicht relativiert werden”, heißt es. Die Unrechtserfahrungen der betroffenen Familien seien real und gravierend. Kinder seien etwa teils ohne die Einwilligung der Eltern in Pflegefamilien untergebracht worden, mit dem Ziel späterer Adoption.
Für die Studie wurden nach Angaben des Instituts mehr als 1.300 Adoptionsakten sowie Hunderte weitere Akten aus Archiven, Gerichten, Jugendämtern und dem ehemaligen Ministerium für Staatssicherheit ausgewertet. Zudem führten die Forscher Interviews mit Betroffenen.