Bislang verband man Minneapolis musikalisch mit Prince, der dort geboren wurde. Nach den jüngsten Unruhen trägt nun ein Springsteen-Song den Namen dieser Stadt. Ein Experte erklärt, wie solcher Protest wirkt.
Manchmal reicht ein Detail, um Unbegreifliches plötzlich real zu machen. Ein solcher Moment ist es, wenn Bruce Springsteen singt: “In the winter of ’26 we’ll remember the one who died in the streets of Minneapolis” (dt.: “Im Winter ’26 werden wir an diejenigen erinnern, die in den Straßen von Minneapolis gestorben sind”). Der Rockstar meint 2026, jetzt – und das Unrecht, das an finsterste historische Epochen erinnert, ereignet nicht in einem dystopischen Film. Es passiert wirklich.
1993 schrieb Springsteen “Streets of Philadelphia” zum Aidsdrama “Philadelphia”. Ebenfalls ein ernstes Lied, voll existenzieller Einsamkeit und Verzweiflung. Wo es in den Straßen Philadelphias aber immerhin noch melancholische Gitarrentöne gab, nicht ganz ohne Hoffnung, da setzt in Minneapolis unmittelbar die raue Stimme des Sängers ein, schildert die bekannten und trotzdem unfassbaren Todesfälle von Alex Pretti und Renée Good.
Der 37-jährige Pretti war am Samstag von einem Bundesagenten der Grenzpolizei in Minneapolis erschossen worden. Anfang Januar hatte ein ICE-Agent die unbewaffnete Mutter Renée Good in ihrem Auto getötet. Beide starben während der “Operation Metro Surge”, für die US-Präsident Donald Trump 3.000 vermummte Bundesagenten in die liberale Stadt geschickt hatte.
Manche mögen den Chor am Ende des neuen Springsteen-Songs (“ICE out”) oder und Bezeichnungen wie “King Trump” zu plakativ finden. Manche mögen einwenden, dass beide Fälle juristisch noch ungeklärt seien und dass Springsteen einseitig dichte. Doch Kunst hat die Freiheit – manche meinen, die Pflicht -, laut zu werden. In den vergangenen Tagen haben auch Hollywood-Stars, jüngere Musikerinnen wie Billie Eilish oder Schriftsteller Stephen King ihre Stimmen gegen die Gewalt erhoben.
Diese Prominenz ist aus Sicht von Michael Behrendt ein entscheidender Faktor. “Es gibt einfach zu viele Songs, zu viele Acts und Szenen, zu viele Filterblasen”, sagt der Popkultur-Experte im Gespräch mit der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Er ist Autor mehrerer Bücher wie “Provokation! Songs, die für Zündstoff sorg(t)en” (2019) oder zuletzt “Playlist zum Glück” (2025). Digitalisierung und Social Media hätten dazu geführt, dass auch sozialkritische oder empowernde Statements “im globalen musikalischen Grundrauschen untergehen”.
Springsteen aber ist ein Weltstar. “Wenn jemand wie er sich in dieser Weise äußert, ist das spektakulär und wird in den News aufgegriffen”, sagt Behrendt. Wichtig sei das auch, weil sich viele Menschen gefragt hätten, “wann endlich die Stars der Kunst-, der Film- und der Musikszene gegen Trump aufstehen”. Meist wählten Stars heute eher Social-Media-Verlautbarungen, provokante Image- und Fashion-Statements oder symbolische Handlungen, um sich politisch zu äußern. “Wenn Neil Young seinen Songkatalog medienwirksam an Grönland verschenkt, erzielt das mehr Wirkung als ein weiteres ‘Rockin” in the Free World’.” Dieser Young-Song kritisierte 1991 die Regierung von George H. W. Bush.
Grundsätzlich könnten Protestsongs motivieren, Zusammenhalt stiften und Haltungen auf den Punkt bringen, sagt der Experte. “Echte Gamechanger sind sie allerdings selten – die berühmteste Ausnahme ist wohl Bob Dylans Song ‘Hurricane’ von 1975, der nachweislich dazu beitrug, dass ein offensichtlicher Justizirrtum neu aufgerollt werden musste. Der zu Unrecht wegen Mordes verurteilte schwarze Boxer Rubin ‘Hurricane’ Carter kam damals tatsächlich frei.” Nicht umsonst erinnere der Sound von “Streets of Minneapolis” an “das Dylan’sche Protestsong-Erbe” – Kenner verweisen vor allem auf “Desolation Row” (1965).
Entscheidend sei, ob ein Song den Nerv einer Bewegung treffe. Dafür brauche es Glaubwürdigkeit, sagt Behrendt: “Musikalische Trittbrettfahrer fliegen meistens sehr schnell auf.” Glaubwürdigkeit hat Springsteen, der den Song nach eigenen Worten am Samstag geschrieben und am Dienstag aufgenommen hat. Schon sein vielleicht bekanntestes Lied, “Born in the USA” (1984), ist mitnichten eine patriotische Hymne: Es kritisiert den Umgang mit Kriegsveteranen.