Showdown. Eine Dorfstraße in der sengenden Mittagssonne. Zwei Männer gehen mit ihren Colts aufeinander zu. Eine uramerikanische Szene, ein Mythos: Gut gegen Böse. Am Ende kann es nur einen geben.
In Minneapolis ist es nicht der Sommer, sondern der Winter, der Blutspuren hinterlässt. Wo sonst Schulbusse und Lieferwagen fahren, stehen Kerzen. Bei Temperaturen weit unter dem Gefrierpunkt rollen paramilitärische Einheiten der Einwanderungsbehörde ICE durch die Viertel. Zwei Menschen sind tot. Viele haben Angst, ihre Wohnung zu verlassen.
Bruce Springsteen: Wenn ein Rocker zornig wird
In diese Kälte hinein stellt sich einer, der es längst nicht mehr müsste.
Bruce Springsteen, 76, eine der großen Legenden der amerikanischen Rockmusik, sitzt in New Jersey. Zornig. Seit Jahrzehnten schreibt er die inoffiziellen Hymnen dieses Landes: „Born in the U.S.A.“, die Arbeiterballade „The River“ oder das visionäre „Land of Hope and Dreams“ – Lieder, in denen Amerika sich selbst erzählt, mit all seinen Widersprüchen.
Springsteen ist fassungslos über das, was die US-Regierung in Minneapolis veranstaltet. Wie sie verrät, was aus seiner Sicht Amerika ausmacht. Binnen Stunden schreibt er einen Song, nimmt ihn am drei Tage später auf und stellt ihn ins Netz: Streets of Minneapolis. Ein Lied für Renée Good und Alex Pretti, die Getöteten. Für die, die „ICE out now“ rufen. Für eine Stadt im Ausnahmezustand.
Der Song schießt in die Charts – Platz 1 in 19 Ländern. Er läuft auf Demos, auf Handys, in Küchen. Millionen hören ihn. Für viele wird er zur Hymne gegen Angst und Unterdrückung.
Ein Mann mit Gitarre – und Millionen hören zu.
Springsteen schweigt nicht
Bruce Springsteen, den sie seit Jahrzehnten den „Boss“ nennen. Eigentlich wäre seine Rolle längst ausgespielt. Im Western zieht sich der alte Revolverheld irgendwann zurück. Genug Kämpfe, genug Narben. Die Jüngeren sollen übernehmen.
Springsteen musste wegen Erkrankungen Konzerte verschieben. Er hat alles erreicht. Er könnte schweigen.
Er tut es nicht.
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Statt den Hut tiefer zu ziehen und in den Sonnenuntergang zu reiten, dreht er noch einmal um. Statt des Colts trägt er eine Gitarre.
Ein Moment wie aus einem dieser alten Filme: Die Straße leer, Strauchbüsche rollen durchs Bild, die Stadt gelähmt vor Angst vor dem Bösewicht, der sich nimmt, was er will. Und dann kommt einer um die Ecke, der sich ihm entgegenstellt. Nicht unverwundbar. Aber mit dieser Entschlossenheit im Gesicht, die sagt: Ich meine es ernst.
Seit Jahrzehnten singt Springsteen von Fabrikarbeitern, Veteranen, Migranten – von denen, die im amerikanischen Traum meist nur Statisten sind. Jetzt stellt er sich vor Menschen, die jederzeit mit Abschiebung rechnen müssen. Vor Nachbarn, die plötzlich als „Gefahr“ gelten.
Trump und Springsteen – zwei Versionen von Amerika
Für Donald Trump ist Springsteen ein ernstzunehmender Gegner. Der „Boss“ steht für das Amerika, das Trump für sich beansprucht. „Make America great again“, nuschelt der Präsident ins Land. Springsteen verkörpert das anders: Make America good again.
Hier prallen zwei Versionen von Amerika aufeinander. Dort der starke Mann, der andere schikaniert und Größe durch Härte verspricht. Hier eine amerikanische Legende, die den alten Traum beschwört – und noch einmal auf die Straße geht, um dafür zu kämpfen.
Springsteen ist dabei nicht allein. Für Minneapolis sind weitere Künstler aufgestanden: Tom Morello organisierte kürzlich ein Benefizkonzert im „First Avenue“, bei dem Springsteen auf der Bühne stand. Billy Bragg hat mit „City of Heroes“ einen Song für die Stadt veröffentlicht. Der junge Jesse Welles treibt mit seinem sarkastischen „Join ICE“ seit Monaten die Streamingzahlen nach oben. „Streets of Minneapolis“ ist der große Referenzhit dieser Welle – und andere Musiker schließen sich an wie Leute, die in einem Westernklassiker wie „Die glorreichen Sieben“ nach und nach an die Seite des Mannes mit der Gitarre treten.
“Streets of Minneapolis” ist ein Weckruf
„Streets of Minneapolis“ wird zur Hymne. Das Lied bündelt, was viele fühlen: Trauer. Wut. Fassungslosigkeit. Und die Weigerung, sich an den Verrat an Amerikas eigenen Versprechen zu gewöhnen. Ein Weckruf. Eine Erinnerung an das, was die Vereinigten Staaten einst sein wollten – the land of the free.
Was können wir tun?
Jedes Mal, wenn dieser Song über die virtuelle Ladentheke geht. Jedes Mal, wenn jemand beim Sender anruft und sagt: Spielt ihn! Dann ist das eine Abstimmung. Über die Zukunft der USA. Oder, um im Bild zu bleiben: wieder einer oder eine, die auf die Straße tritt und sich an die Seite des good guys stellt, um gegen das Böse aufzustehen.
