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Social Media prägt Wahrnehmung von Depressionen – Chance und Risiko

Werbung und seriöse Information im Netz können viele Menschen nach eigenen Worten kaum unterscheiden. Dennoch informieren sie sich über Soziale Plattformen zu Gesundheit und Krankheit. Die Folgen sind unterschiedlich.

Die Hälfte der Menschen in Deutschland hat offenbar bereits online zum Thema Depressionen recherchiert: Das zeigt eine Studie der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention, die am Dienstag vorgestellt wurde. Bei erkrankten Personen gaben dies 78 Prozent an. 17 Prozent wurden durch Social Media motiviert, sich professionelle Hilfe zu suchen; 9 Prozent kamen dort nach eigenen Worten auf die Idee, dass sie betroffen sein könnten.

Insgesamt gibt ein knappes Viertel aller Befragten an, bereits schon einmal depressiv erkrankt gewesen zu sein (24 Prozent). Dass sich die Informations- und Hilfesuche ins Netz verlagere, berge Chancen, aber auch Risiken, sagte Stiftungsvorstand Ulrich Hegerl. So verbreiteten sich auf Social Media auch falsche Vorstellungen der Erkrankung. 40 Prozent der Befragten erklären, in jüngster Zeit einen Post zum Thema auf den Sozialen Plattformen gesehen zu haben; bei Erkrankten sogar 47 Prozent.

Allerdings können knapp zwei Drittel die Vertrauenswürdigkeit der dortigen Informationen schwer einschätzen (65 Prozent), wie es weiter hieß. Ebenso viele können kommerzielle Interessen schwer erkennen. Wer den Verdacht habe, selbst depressiv erkrankt zu sein, solle sich am besten an Hausarzt oder Hausärztin wenden, riet Hegerl: “Inhalte auf Social Media können unterstützen, aber sie ersetzen keine ärztliche oder psychotherapeutische Behandlung.” Vorsicht sei zudem bei Angeboten geboten, die schnelle Heilung versprechen oder Produkte verkaufen.

Von einer dramatischen Entwicklung sprach der Psychiater im Hinblick auf junge Menschen. Drei Viertel der 16- bis 17-Jährigen (76 Prozent) informieren sich laut Befragung bei Suchmaschinen über psychische Gesundheit, direkt darauf folgen Angebote wie ChatGPT, die mit Künstlicher Intelligenz arbeiten (46 Prozent; alle Altersgruppen: 17 Prozent). Menschen hätten bei diesen Programmen das unzutreffende Gefühl, in einen echten Austausch zu treten, mahnte Hegerl. In den kommenden Jahren müsse man darauf achten, “dass die Vorteile die Nachteile überwiegen”.

15 Prozent geben im Depressions-“Barometer” an, sich nach Beiträgen über Depressionen in Sozialen Netzwerken schlechter zu fühlen: weil Erfahrungsberichte sie herunterzögen (50 Prozent), weil Informationen unübersichtlich seien (46 Prozent) oder weil “Erfolgsstories” vom Überwinden der Erkrankung bedrückend wirkten (24 Prozent). Letzteres passe dazu, dass depressive Menschen ohnehin oft überzogen selbstkritisch seien – und zur Inszenierung von Positivität auf Social Media. 80 Prozent berichteten zudem, dort mit dem Thema Suizid in Berührung gekommen zu sein – eine bedenklich hohe Zahl, sagte Hegerl.

Andererseits fühlen sich demnach 13 Prozent bestärkt, wenn sie sich auf Instagram und Co. mit Depressionen befasst haben: 71 Prozent erlebten Austausch als motivierend, 56 Prozent fänden hilfreiche Informationen und 39 Prozent fühlten sich weniger einsam. – Repräsentativ befragt wurden laut Angaben 5.196 Personen zwischen 18 und 69 Jahren, zusätzlich 103 Personen zwischen 16 und 17 Jahren.