So läuft die Reparatur an der Apostelkirche

An der Apostelkirche in Hannover wird gearbeitet – wieder einmal. Schon oft musste das Gotteshaus Schönheitskuren unterzogen werden. Jetzt ist der Turm eingerüstet. Ein Besuch auf der Baustelle.

Hannover. Die Schäden waren unübersehbar: Auf den Schrägen waren die Klinker nicht mehr rot, sondern rußgeschwärzt. An anderen Stellen war die Oberfläche der Steine aufgeraut, an etlichen Stellen schon fausttief ausgewaschen. Keine Frage: Der Turm der gut 130 Jahre alten Apostelkirche brauchte mehr als nur eine Schönheitskur. Nicht zum ersten Mal.
Die in den Jahren von 1880 bis 1884 nach den Plänen von Conrad Wilhelm Hase gebaute Kirche an der Celler Straße hatte die Weltkriege zwar ohne größere Schäden überstanden, doch zum 100. Geburtstag gönnte ihr die Landeskirche eine gründliche Restaurierung. Dennoch musste schon sieben Jahre später erneut der Turm eingerüstet werden, weil schon wieder 3000 Ziegel ausgetauscht werden mussten. Die Autoabgase hatten ihnen zu sehr zugesetzt. Und noch einmal, kurz vor dem Evangelischen Kirchentag 2005, wurde die Fassade noch einmal von Moos befreit und zum Teil neu verfugt.

Turmspitze erstaunlich gut erhalten

Und nun ist seit Ende vergangenen Jahres der Turm der Apostelkirche erneut eingerüstet und mit Planen verhängt. An vielen Stellen sind die aktuellen Reparaturarbeiten schon fast beendet, an anderen klaffen noch Lücken. Auch das Kupferdach ist abgenommen, die Bleche hatten sich im Laufe der Jahrzehnte gelängt und waren zum Teil so dünn geworden, dass ein Abreißen absehbar war. Wie lange die Bleche den achteckigen Turmhelm schützten, ist unbekannt, Abbildungen aus den ersten Jahrzehnten zeigen ihn jedenfalls noch nur mit Backsteinen.
„Die Kupferhaut war direkt auf den Steinen befestigt“, erklärt der Architekt Wolfgang von Reitzenstein vom landeskirchlichen Amt für Bau und Kunstpflege. Trotz der fehlenden Hinterlüftung der Kupferhaut sei die Steinspitze des Turms „erstaunlich gut erhalten“, sagt von Reitzenstein. Doch die neue Dachhaut werde nun auf einer hinterlüfteten Schalung befestigt, „das ist heute Stand der Technik“. Dass der Stand der Technik nicht unbedingt vor späteren Schäden bewahrt, zeigt die Turmfassade. Seit den 80-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde sie schon zweimal saniert. Dabei wurde aber für die Fugen harter Zement verwendet, härter als der Klinkerstein. So konnte die Feuchtigkeit eher in den Stein als in die Fugen eindringen und sprengte die Oberfläche.In der Folge konnte die Witterung erst recht an der Fassade nagen. Einige Einschusslöcher in größerer Höhe zeigten zudem, dass der Krieg seine Spuren hinterlassen hatte.
Etwas größeren Aufwand benötigen die Sanierungsarbeiten an den steinernen Fensterrosetten, die ebenfalls teilweise verwittert sind. Und auch an den Schalllöchern müssen Handwerker aktiv werden. Bei der letzten Sanierung der hölzernen Verschläge wurde ein zu weiches Holz verwendet. Die ablaufende Feuchtigkeit hat die schrägen Lamellenbretter teilweise bröselig wie einen alten Schwamm  werden lassen; sie lassen sich mit den Fingern zerreiben. „Wir werden die Laden erneuern, dann aber aus Eiche“, erklärt Architekt von Reitzenstein.

Die Steine kommen aus Glückstadt

Das Hauptaugenmerk bei der Turmfassadensanierung aber liegt beim Austausch der maroden Klinker. Eine Ziegelei in Glückstadt liefert die passenden Steine an. Hier kommt die sparsame Planung des Architekten Hase den Kosten zugute: er hatte nur „einfachen Backstein im Normalformat“ verwendet. „Und außerdem weitgehend auf Zierelemente verzichtet“, erklärt von Reitzenstein. So sind nur wenige Blütenornamente an der Turmfassade zu finden – und deren Format ist genauso wie die anderen Backsteine.
An etlichen Stellen, vor allem im westlichen und nördlichen Bereich des Turms, haben die Maurer teilweise einzelne Steine ausgewechselt, oft aber auch Flächen von einem oder mehr Quadratmetern. „Da ist handwerkliches Können gefragt“, erklärt der Architekt. Es sei gar nicht so einfach gewesen, Firmen zu finden, die noch über das althergebrachte Fachwissen verfügten. Immerhin soll ja nur ausgewechselt werden, was wirklich schadhaft ist. Andererseits könne die Reparatur nicht an der Oberfläche bleiben, sagt von Reitzenstein. „Es soll ja für etliche Jahrzehnte halten.“

Reizvoll für Langfinger

Zurzeit präsentiert sich der Kirchturm ohne seinen krönenden Wetterhahn. Bei der letzten großen Sanierung waren in einem Kupferrohr in seiner Sitzstange Münzen, Briefe und Zeitungen aus der Zeit des Kirchbaus gefunden worden; darunter war auch ein „Hannoversches Sonntagsblatt“, Vorläufer der Evangelischen Zeitung. „Wir haben den Hahn wieder abgenommen“, sagt Architekt von Reitzenstein, „um ihn vor Dieben zu schützen.“ Offenbar übten Baugerüste auf Langfinger großen Reiz aus. Aber nicht nur ihretwegen wurden vorübergehend auch die kupfernen Bekrönungen der vier Seitentürmchen  entfernt. Auch an ihnen hatte der Zahn der Zeit derart genagt, dass ihre Standsicherheit nicht mehr gewährleistet war.
Der Blick des Fachmanns ist aber nicht allein in die Höhe, sondern auch auf das Fundament gerichtet – und zwar der ganzen Kirche. Auch dort sollen deshalb an etliche Stellen Steine ausgewechselt werden, die in den vergangenen Jahrzehnten zum Teil nur oberflächlich saniert worden waren. Von Reitzenstein glaubt, dass kontinuierliche Unterhaltspflege auf Dauer kostengünstiger sei als größere Sanierungen wie derzeit. „Wir rechnen mit 800 000 Euro“, sagt der Mitarbeiter des Amts für Bau- und Kunstpflege. Die Kosten teilen sich weitgehend Landeskirche und Stadtkirchenverband.Bis zum Jahresende, so glaubt von Reitzenstein, könne das Gerüst um den Kirchturm wieder abgebaut sei. Und dann sollte er wieder für mehrere Jahrzehnte Wind und Wetter standhalten.