Es ist dieser unglaubliche Trommelwirbel, der Phil Collins seinen Platz im Musikhimmel sichert: „Dada – Dada – Dada – Dada – Dap – Dap.“ Mit dem sogenannten „Drum-Fill“ zum Song „In the Air Tonight“ von seinem ersten Solo-Album „Face Value“ (1981) definierte er das Schlagzeugspiel und dessen Sound neu. Alle wollten nun so klingen wie Phil Collins, der Schlagzeuger der Rockband „Genesis“, der als Solokünstler richtig abhob. Am 30. Januar wird der britische Sänger, Schlagzeuger und Produzent 75 Jahre alt.
„In the Air Tonight“: Der Fünf-Minuten-Song mit dem wie verschluckt klingenden Halleffekt ist das Markenzeichen von Phil Collins, der 1951 im Londoner Stadtteil Chiswick zur Welt kam. Die emotionale Ballade über eine zerbrochene Beziehung, die zum Schluss im Getrommel explodiert, ergreift die Fans. „Das kriegt man nur einmal im Leben hin“, sagte der Musiker für die 2024 erschienene Dokumentation „Phil Collins. Drummer First“. Im März 2022 hatte er sich, gesundheitlich schwer angeschlagen, nach einem letzten Konzert mit „Genesis“ in London aus dem Musikgeschäft zurückgezogen.
Phil Collins ist in den vergangenen Jahren von einer jüngeren Musikergeneration als genialer Songschreiber und innovativer Schlagzeuger wiederentdeckt worden – und er wird geschätzt. Das war nicht immer so. Gerade in den 1980er Jahren kam niemand, der das Radio aufdrehte, an seiner Musik vorbei. „Against All Odds“, „Easy Lover“, „One More Night“, „Another Day in Paradise“ und etliche andere Titel von Collins standen ganz oben in den Hitparaden. Mehr als 300 Millionen Alben hat er mit „Genesis“ und als Solokünstler insgesamt verkauft.
Viele zeigten sich von der gefühlten Allgegenwart von Phil Collins genervt, der auch als Schauspieler, Musikproduzent und Autor von Film- und Musicalmusik erfolgreich war. Manche Musikerkollegen waren wohl auch neidisch auf Collins, der den witzigen Typ „von nebenan“ verkörperte. „Wir dachten uns, okay Phil, mache mal zwei Monate lang eine Pause und lasse uns auch etwas übrig“, erinnerte sich einmal Ozzy Osbourne, der im Juli verstorbene Sänger der Hardrock-Gruppe „Black Sabbath“.
Phil Collins, dreifach geschiedener Vater von fünf Kindern, galt in seiner mehr als 50-jährigen Karriere als Arbeitstier. Mit fünf Jahren begann er, auf einer Trommel zu spielen. Als 19-Jähriger kam er 1970 als Schlagzeuger zu „Genesis“. Die Band gab in den Folgejahren den Klang des Progressive Rock mit Alben wie „The Lamb Lies Down on Broadway“ (1974) mit dem epischen Song „The Carpet Crawlers“ vor. Nachdem Sänger Peter Gabriel für eine Solokarriere ausgestiegen war, übernahm Collins dessen Rolle in der Band.
In den 1980er Jahren machten Phil Collins, Mike Rutherford (Gitarre) und Tony Banks (Keyboards) „Genesis“ zu einer Pop-Rockband. Titel wie „Invisible Touch“, „Land of Confusion“ oder „I Can`t Dance“ trafen den Massengeschmack – viele alte Fans wendeten sich ab. „Er spielte immer, was wichtig für die Musik ist“, würdigte ihn Chad Smith, Schlagzeuger der US-amerikanischen Funkrock-Band „Red Hot Chili Peppers“.
Collins produzierte Musikalben für die Ex-Abba-Sängerin „Frida“, für Eric Clapton, Tina Turner, Robert Plant von „Led Zeppelin“ und den Ex-„Beatle“ Paul McCartney. Beim legendären „Live Aid“-Konzert 1985 für die Hungerhilfe in Äthiopien jettete er mit dem Überschallflugzeug Concorde von London nach Philadelphia. Collins komponierte die Musik für die Disney-Filme „Tarzan“ und „Bärenbrüder“, war mit der Jazz-Fusion-Band „Brand X“ und einer eigenen Big Band auf Tournee und spielte in Filmen wie „Buster“ mit.
Alles schien ihm zu gelingen, doch seine Ehen gingen in seinem Arbeitsrausch in die Brüche. Seinen Schmerz darüber verarbeitete er in Musik, die manchmal die Grenze zum Kitsch streifte. Dies machte ihn auch zur Zielscheibe von teilweise hasserfüllten Angriffen.
Ausgelaugt kündigte Collins mehrfach seinen Bühnenabschied an. Seit einer Halswirbeloperation 2009 leidet er unter Taubheitsgefühlen in den Händen und Beinen und ist auf einen Gehstock angewiesen. Schlagzeug kann er nicht mehr spielen. Bei der Abschiedstour von „Genesis“ von 2021/2022 trommelte sein heute 24-jähriger Sohn Nicholas für ihn. Bei den Konzerten saß Phil Collins auf einem Stuhl und sang.
In einem Interview für einen fünfteiligen BBC-Podcast über seine Karriere erklärte Phil Collins, der am Genfer See in der Schweiz lebt, dass er über eine Rückkehr ins Studio nachdenke. „Ich würde gern ein bisschen herumprobieren und sehen, ob noch mehr Musik da ist.“ Er habe noch einige fertige und halbfertige Songs in der Schublade: „Vielleicht steckt noch Leben im Totgesagten.“