In der tragikomischen Arte-Serie “The Danish Woman” wird eine Geheimagentin a.D. zur Blockwartin ihrer isländischen Wohnsiedlung. Es ist eine Hassliebeserklärung an die Nachbarschaft.
Gut gemeint ist bekanntlich gerne mal das Gegenteil von gut gemacht. In der neuen Arte-Serie “The Danish Woman” (ab 5. Februar und schon ab 29. Januar in der Mediathek) grundiert Ditte Jensen (Trine Dyrholm) zum Beispiel ihr übergriffiges Handeln regelmäßig mit einer Reihe edler Motive. Klimawandel, Cybermobbing, häusliche Gewalt: Wann immer sie Einfluss auf ihr Umfeld nimmt, geht es der Isländerin aus Dänemark vordergründig ums Allgemeinwohl. Zu dumm nur, dass die Erziehungsmethoden dieser selbsterklärten Aufseherin eines trostlosen Wohnblocks in Reykjavik meistens alles noch schlimmer machen.
Nur einige Beispiele: Weil der Tagedieb Thorir (Hilmar Gudjonsson) Nacht für Nacht tobende Partys feiert, bricht Ditte am Morgen danach in dessen Wohnung ein und zerstört seine Musikanlage – die er anschließend aber durch eine noch leistungsstärkere ersetzt. Weil die drei Kinder der alleinerziehenden Gulla (Kristin Thora Haraldsdottir) pausenlos an Rechner, Tablet und Smartphone hängen, knackt Ditte zwei Etagen darunter das nächste Schloss und macht alle Endgeräte unbrauchbar – was die überforderte Mutter nur in noch mehr Verzweiflung stürzt.
Und die wird keinesfalls geringer, als Ditte deren Katze Klara fürs ständige Vollkacken ihrer Gemüsebeete im Müllschlucker entsorgt – ohne zu wissen, dass Klara Gullas spielsüchtigen Sohn Kari wenigsten ab und zu mal vom Zocken abgelenkt hatte. Der regelhafte Bruch sämtlicher Privatsphären wirkt also eher impulsiv als durchdacht. Wie professionell sie ihn vollzieht, deutet allerdings auch an, was Ditte von klassischen Hausdrachen in der Tradition von Else Kling aus der “Lindenstraße” unterscheidet: Bevor “The Danish Woman” nach Island gezogen ist, war die Titelfigur des gleichnamigen Sechsteilers eine Elitesoldatin der dänischen Armee.
Das Ganze ergibt eine überaus originelle Konstellation aus der Nische europäischer Filmkooperationen, ein echtes Paradebeispiel aberwitziger Unterhaltung. Wobei Trine Dyrholm als Hauptdarstellerin alles noch mit selbstloser Hingabe zuspitzt. Als Nachwuchsdarstellerin hat der spätere Weltstar 1998 in Thomas Vinterbergs legendärer Dogma-Keimzelle “Das Fest” mitgespielt und damit nicht weniger als Filmgeschichte geschrieben. Fast 30 Jahre später nun füllt sie die pensionierte Nahkämpferin mit Leben. Und wie!
Sechs Dreiviertelstunden pendelt Dyrholms Ditte kurios zwischen Blockwart und Freigeist, Racheengel und Samariterin, Anpassung und Exzess, als bedinge sich all das gegenseitig. Wenn die Mittfünfzigerin mit Strumpfmaske in fremde Existenzen eindringt, wirkt sie furchteinflößender als der von Jens Albinus gespielte Nachrichtendienstler Jörgensen, der seine Ex-Kollegin mit sanfter Gewalt zur Rückkehr bewegen soll. Wenn sie dagegen im Vor- und Abspann jeder Episode singend durch Islands schroffe Herbstlandschaft tanzt, könnte sie friedfertiger kaum sein.
Der Umstand allein aber, dass diese Grenzgängerin eine Frau ist, macht “The Danish Woman” auf bemerkenswerte Art bizarr. Einen Teenager per Waterboarding vom Egoshooter abzubringen, wäre mit männlichem Folterknecht nicht nur sadistischer, sondern auch viel profaner. “Im Irak hab’ ich gelernt, wie man Menschen wehtut”, sagt sie tonlos zu Gullas Sohn, als der danach zitternd auf Dittes Sofa ihre Fotoalben durchblättert: “Und das war kein Videospiel.” Weil Regisseur Benedikt Erlingsson zugleich offenlässt, ob solche Sequenzen Tagträume oder Wirklichkeit sind, schrammt die Serie obendrein ständig am Rand der Groteske entlang.
Und die lässt Erlingsson in einem ebenso alters- wie bodypositiven Showdown eskalieren wie keine Agentenserie zuvor. Das gerät fast schon zum feministischen Manifest – mit einer Hauptdarstellerin, die sich seit “Das Fest” von jeder falschen Eitelkeit befreien konnte. Das macht “The Danish Woman” zwar zur Dyrholm-Show. Der heimliche Star ist allerdings jemand, besser: etwas anderes. Ein Müllschlucker nämlich, durch den Dittes Hausgemeinschaft ihren Unrat Richtung Keller entsorgt. Kommentarlos verschluckt er all den Dreck gewöhnlicher Existenzen einer außergewöhnlichen Serie.
In der geht es nämlich nur vordergründig um den Unruhestand einer ausgemusterten Geheimagentin. Sie erzählt von Nachbarschaft als Mikrokosmos der menschlichen Zivilisation. Ein zusammengewürfelter Ort, der uns gleichermaßen abstößt und anzieht, aushungert und ernährt, wärmt und frösteln lässt. Selbsterklärte Aufseherinnen gibt es darin bis heute noch immer – auch wenn die wenigsten wohl so übergriffig sind wie Ditte. Eigentlich schade.