Ihre Perspektive wird viel zu selten erzählt: Schwarze Menschen in der frühen Bundesrepublik. Autorin Marion Kraft schafft mit “Weltenwechsel” einen wichtigen Beitrag. Der Roman verliert sich allerdings in Details.
Es ist ein bisher viel zu wenig beachtetes und noch weniger behandeltes Themen: Schwarze Menschen in Deutschland nach dem Zweiten Weltkrieg. Marion Kraft stellt sie in ihrem ersten Roman “Weltenwechsel”, der am Mittwoch erscheint, in den Mittelpunkt: Sie erzählt die Geschichte von Julia, Tochter einer deutschen Mutter und eines US-amerikanischen, Schwarzen Soldaten. Julia wird kurz nach Kriegsende geboren, erlebt als Kind und Jugendliche die Nachkriegsjahre; später ihr privates Wirtschaftswunder und schließlich kritische, von der 68er-Bewegung beeinflusste Studierende, denen sie sich anschließt.
Mit einem Roman, der auch die Jahrzehnte in der alten Bundesrepublik nach dem Zweiten Weltkrieg erzählen soll, hat sich die Autorin viel vorgenommen; ihr könnte ein großer Wurf gelingen. Tatsächlich wirken die Hauptcharaktere schnell vertraut: neben Julia vor allem ihre Großmutter Berta, die ihr den Namen gibt und sich ohne Vorbehalte entscheidet, das Mädchen großzuziehen – während Mutter Margarete auf Distanz geht, die Familie aber finanziell unterstützt.
Nach den Trümmerlandschaften, dem beengten Leben und Hamstertouren, die zunächst Berta nach dem Ende des Krieges erlebt, wird Julia schnell zur Hauptfigur – zunächst auf dem Spielplatz mit den wenigen Freunden; dann in der Schule und später in der Ausbildung und im Berufsleben. Egal, in welchem Lebensabschnitt sie sich befindet: Immer wieder erlebt Julia Anfeindungen und hört das N-Wort. Das klingt beim Lesen mitunter fast nervig, macht aber Alltagserfahrungen von Menschen deutlich, die von Rassismus betroffen sind: Rassismus und Anfeindungen sind keine Einzelfälle.
Schätzungen zufolge gab es rund 5.000 Kinder von afroamerikanischen Soldaten und deutschen Frauen, obwohl noch bis Oktober 1945 das sogenannte Fraternisierungsverbot galt – ein Verbot also von engen, freundschaftlichen Kontakten zur deutschen Zivilbevölkerung und insbesondere zu Frauen. Innerhalb der US-Armee wurde die Segregation (Rassentrennung) erst 1948 aufgehoben. Schwarze Kinder, schreibt der Verein “Gegen Vergessen – Für Demokratie”, waren gleich mehreren Diskriminierungen ausgesetzt – unehelich geboren und sofort als “Feindeskinder” sichtbar. Denn mit dem Kriegsende änderte sich keinesfalls die politische Prägung und Haltung von Millionen Deutschen.
Einzelne Stimmen in den Folgejahren änderten wenig. So forderte CDU-Politikerin Luise Rehling (CDU) 1952 in einer Bundestagsdebatte: “Bemühen wir uns daher, in Deutschland den Mischlingen nicht nur die gesetzliche, sondern auch die menschliche Gleichberechtigung zu gewähren!” Zu weniger Diskriminierung führte das nicht. Stattdessen entstanden Heime, und Mütter wurden aufgefordert, ihre Kinder zur Adoption freizugeben.
All das berücksichtigt Marion Kraft und lässt ein umfassendes – wenn auch fiktives – Bild entstehen. Doch mit diesen zahlreichen Details und Hinweisen bleibt vieles an der Oberfläche und holzschnittartig. Es scheint, als wolle der Roman diverse Themen in komprimierter Form abarbeiten: häusliche Gewalt, den Suizid einer jungen Frau, homosexuelle Beziehungen, die überraschend gelassen hingenommen werden. Immer wieder wird äußerst knapp auf Debatten verwiesen, mit denen ein großer Teil der Leserschaft kaum vertraut sein dürfte – und die die Geschichte nicht voranbringen. Das überfrachtet den Roman.
Auch die Charaktere überraschen nicht, verändern sich nicht. Schon nach wenigen Sätzen ist absehbar, wie sie sich im Laufe der Geschichte positionieren werden.
Allerdings: Hauptfigur Julia wirkt nicht durchweg sympathisch. Mit ihr hat Kraft eine Kämpferin geschaffen, die sich nicht mit alltäglichen Anfeindungen abfindet. Diese Idee ist gut und nachvollziehbar. Einige Szenen wirken indes unrealistisch, etwa als Julia kurzzeitig den Unterricht ihrer Grundschulklasse übernimmt. Trotzdem bietet der Roman die Chance, breiter über ein Thema zu sprechen, das höchst aktuell bleibt: Rassismuserfahrungen, die verschiedenen Studien zufolge bis heute für viele Menschen zum Alltag gehören.