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Regensburger Stadtverwaltung arbeitet ihre NS-Geschichte auf

Eine wissenschaftliche Aufarbeitung der Stadtverwaltung in der NS-Zeit hat in Regensburg begonnen. Anlass, das Thema auf das kulturpolitische Tableau zu heben, waren Diskussionen über belastete Akteure der Stadt. So gab es einen Kulturdezernenten und Museumsdirektor der Stadt, der von 1928 bis in die 1970er Jahre aktiv war – ohne Unterbrechung. Er hieß Walter Boll (1900-1985). Aber auch an Straßennamen, die von belasteten Akteuren stammen, machte sich der stadtpolitische Diskurs fest. Das Forschungsprojekt ist zunächst auf drei Jahre festgelegt, an dem Stadt und Universität Regensburg zusammenarbeiten, um einen „wichtigen Beitrag zur lokalen Erinnerungskultur zu leisten“, wie die Stadt mitteilte. Organisatorisch verortet ist das Projekt am Zentrum Erinnerungskultur. Bernhard Löffler ist Direktor des Zentrums und Uni-Professor für Bayerische Landesgeschichte in Regensburg.

epd: Herr Löffler, welchen Ansprüchen sollte eine Aufarbeitung der NS-Stadtgeschichte genügen?

Bernhard Löffler: Unser Ansatz ist es, dass man es von den reinen Persönlichkeiten wegbringt und die größeren strukturellen Zusammenhänge von der Alltagskultur bis hin zur Gründung des Historischen Museums, das in diese Zeit fällt, beleuchtet. Dabei soll weniger mit einem staatsanwaltlich anzeigenden Zeigefinger, sondern mehr mit einem wissenschaftlichen Interesse vorgegangen werden. Wie hat eine solche Gesellschaft funktioniert in den verschiedenen Regimen? Die Akteure und Institutionen kamen schließlich aus dem Kaiserreich oder den 1920er-Jahren. Das Ganze war auch nicht nach 1945 zu Ende, sondern es ging mit den gleichen Personen weiter. Das differenziert und plastisch zu untersuchen, dazu braucht es Tiefenbohrungen in die gesellschaftlichen Strukturen hinein, die bei dem Projekt vorgenommen werden sollen.

epd: Wo sind Kontinuitäten der NS-Zeit bis in die Nachkriegszeit Regensburgs hinein schon heute sichtbar?

Löffler: Der Walter Boll ist ein interessanter Phänotyp, den man auch in anderen Städten und anderen Ressorts findet, weil diese Verwaltungen zähe und beharrliche Gebilde sind. Nicht umsonst gibt es das Sprichwort: Die Verfassung vergeht, die Verwaltung besteht. Boll ist aber keine Schwarz-Weiß-Figur, wie man es sich vielleicht wünschen würde. Er laviert, für manche setzt er sich ein, bei anderen Sachen ist er opportunistisch und profitiert davon. Solche Phänomene werden durch ihn greifbar. Was man sagen kann, ist, dass das Historische Museum, dessen Direktor Boll war, in seiner Konzeption als „Ostmarkmuseum“ geplant und auch von der Sammlungsidee her so angelegt war, dass es zwar erst 1949 eröffnet wurde, seine konzeptionellen Wurzeln aber in der NS-Zeit hatte. Auch das Stadttheater ist in diesem Zusammenhang interessant: Wer wird beschäftigt, wer entlassen, welche Programme gibt es? Da haben sich erste Ansatzpunkte ergeben.

epd: Würden Sie sagen, dass die Aufarbeitung der Regensburger Stadtverwaltung spät beginnt?

Löffler: Es gibt eine große Arbeit aus dem Jahr 1994, „Regensburg unterm Hakenkreuz“ von Helmut Halter, die sehr quellennah wichtige Aspekte der institutionellen Entwicklung der Gleichschaltung der Stadt und der politischen Szenerie bringt. Insofern ist es kein unbeschriebenes Blatt. Aber im Historischen Museum der Stadt ist das 19. und 20. Jahrhundert sehr stiefmütterlich behandelt. Das hängt mit der Entstehung des Hauses zusammen, wo die Schwerpunkte einfach auf Mittelalter, Römerzeit und Früher Neuzeit lagen. Das 20. Jahrhundert hat man im Grunde weitgehend ausgespart. Insofern ist Regensburg in der Tat nicht besonders früh dran. Aber gleichzeitig gibt es derzeit in ganz vielen anderen Städten solche Aufarbeitungsstudien. Da reiht sich Regensburg ein. (0124/16.01.2026)