Die Opfer des Terrorangriffs auf die Synagoge in Halle vor fünf Jahren können nicht zur Ruhe kommen, berichtet die Geschäftsführerin der Antisemitismus-Beratungsstelle “Ofek”. Durch zu viele Dinge würden sie getriggert.
Fünf Jahre nach dem Terrorangriff auf die Synagoge in Halle wirkt das Trauma für Jüdinnen und Juden laut der Psychologin Marina Chernivsky weiter nach. “Die Anerkennung des geschehenen Unrechts ist für die Überlebenden eine der wichtigsten Voraussetzungen für den Umgang mit Gewalt. Die Wahlergebnisse und die sich häufenden antisemitischen Übergriffe zeigen uns deutlich, dass die breite gesellschaftliche Aufarbeitung des Terroranschlags von Halle nicht eingetreten ist. Für die Betroffenen ist es eine erneute Pein”, sagte die Geschäftsführerin der bundesweiten Antisemitismus-Beratungsstelle “Ofek” der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). Am Mittwoch ist der Jahrestag des Attentats.
Terroranschläge wie der in Halle am höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur 2019 und der Überfall der Hamas auf Israel am jüdischen Feiertag Simchat Torah vor einem Jahr stellten für die Überlebenden und die jüdischen Gemeinschaften weltweit eine intensive Bedrohung dar: “eine Bedrohung, die psychisch als auch physisch zu spüren ist, traumatisch wirkt und für Betroffene alltagsprägend ist”. Terroranschläge seien immer eine tiefe Zäsur. Das Leben von Betroffenen verändere sich schlagartig, und das Geschehene wirke kollektiv weiter: “Die als sicher geglaubten Orte wie Synagogen oder Wohnungen werden verbunden mit dem versuchten und nun auch verübten tödlichen Angriff.”
Am 9. Oktober 2019 hatte ein Rechtsextremist mit Waffengewalt versucht, in die Synagoge in Halle einzudringen, um ein Blutbad unter Jüdinnen und Juden anzurichten. Zu der Zeit waren mehr als 50 Menschen dort zum Gottesdienst versammelt. Als der Täter nicht in die Synagoge kam, erschoss er eine Passantin davor, danach einen Maler-Azubi in einem nahen Döner-Imbiss und verletzte auf seiner Flucht weitere Menschen, zwei davon schwer. Der Attentäter filmte seine Taten und streamte sie live im Internet.
Das Oberlandesgericht Naumburg sprach den 28-Jährigen 2020 des zweifachen Mordes, des versuchten Mordes in mehr als 60 Fällen und der Volksverhetzung schuldig. Es verurteilte ihn zu lebenslanger Haft mit anschließender Sicherungsverwahrung.