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Polizeifotos als Kunstwerke? Ungewöhnliches Ausstellungsprojekt

Authentische Fotos von Polizeieinsätzen. Das will eine Kunstausstellung in Mannheim zeigen. Das Kooperationsprojekt von Polizei und Museum wird ab November zu sehen sein.

Diese Fotos waren nie zur Veröffentlichung bestimmt. Polizistinnen und Polizisten haben sie in ihrem Arbeitsalltag gemacht. Oft mit dem Smartphone. Oder als Teil ihrer Arbeit und Ermittlungen – etwa wenn Polizeifotografen Tatorte dokumentieren. Bilder von Kontrollen, Bilder der Erschöpfung. Kantine, Autowerkstatt, Reiterstaffel auf einem Volksfest.

Jetzt werden sie Teil einer Fotografie-Ausstellung in den Mannheimer Reiss-Engelhorn-Museen. “Ab November 2026 werden wir rund 120 von uns ausgewählte Aufnahmen zeigen”, sagte Ausstellungskuratorin Stephanie Herrmann am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Mannheim.

In Abstimmung mit der Polizei Baden-Württemberg hat das Fotografiemuseum einen Aufruf an die Polizisten im Land gestartet, Bilder einzuschicken, die hinter die Kulissen blicken. Die ungewöhnliche oder alltägliche Situationen zeigen. Eingegangen sind bislang mehr als 1.000 Fotos. “Wir wollen nicht voyeuristisch auf Tatorte oder Opfer von Kriminalität blicken. Sondern bislang nicht gesehene Einblicke ermöglichen”, verspricht die Fotografie-Expertin.

Polizeifotografie hat vielfältige Funktionen. Sie dient der Beweissicherung. Täter werden erkennungsdienstlich fotografiert. Fotos werden von der Polizei ausgewählt, um sie an die Medien zu geben. Im Vorabendprogramm laufen dokumentarische Blaulichtserien.

Die Schau geht nun aber einen neuen Weg. Es habe keinerlei Auflagen dafür gegeben, welche Fotos das Museum zeigt, betont das Kuratorenteam. Entscheidend seien vor allem ästhetische und inhaltliche Kriterien gewesen. Klar ist aber auch, dass die Museumsleute nicht selbst in den Polizeiarchiven oder privaten Fotosammlungen der Polizisten nachforschten, sondern darauf angewiesen waren, was ihnen angeboten wurde.

Die Bandbreite der ausgewählten Fotos ist groß: sie zeigen fröhliche Szenen, etwa wenn ein Polizist eine Entenfamilie sicher über die gesperrte Autobahn bringt oder wenn Beamte ein Musikfestival sichern. Eindrücklich ist das leicht unscharfe Foto, das erschöpfte Polizisten nach einem Einsatz im Mannschaftsbus zeigt. Oder den Gedenkstein an einen getöteten Polizisten. Und ganz ohne Tatortfotos (auch in ungewöhnlicher Drohnenperspektive) oder Beweissicherungsszenen kommt auch diese Schau nicht aus.

“Obwohl Fotografie für die Polizei so zentral ist, wird das Thema in der Fotografiegeschichte oder in Museen bislang kaum beachtet”, sagt Kuratorin Herrmann. Dabei hätten Polizeifotografen das damals neue Medium schon ab den 1840er Jahren – also seit den frühesten Zeiten der Fotografie – für ihre Arbeit genutzt. Schon sehr früh wurden auch Täter für die Polizeiakten fotografiert.

Vor einigen Jahren zeigten die Engelhorn-Museen ausgewählte Fotos aus den Polizeiarchiven der Stadt Mannheim nach 1945 bis in die 1970er Jahre. “Jetzt schaffen wir den Sprung in die Gegenwart”, so die Kuratorin.

Das Fotomuseum liegt nur wenige Meter vom Mannheimer Marktplatz entfernt, wo am 31. Mai 2024 der 29-jährige Polizist Rouven Laur im Dienst von einem islamistischen Attentäter erstochen wurde. Die Schau werde auch deshalb die Gefahr für Polizisten, die von ihnen erlebte Gewalt thematisieren, betonten die Ausstellungsorganisatoren.

“Jeder Angriff auf einen Polizisten, der unsere Demokratie und unseren Staat verteidigt, ist ein Angriff auf uns alle”, sagte Landesinnenminister Thomas Strobl bei der Vorstellung der Ausstellungspläne. Er versteht die Schau als Einladung zu Dialog und Austausch. “Die Fotos werden die Komplexität und Gefahren für Polizisten und Polizistinnen aufzeigen. Die Bilder werden aber auch einmalige Eindrücke vom Facettenreichtum und der Emotionalität im Polizeialltag geben.”

Begleitend zu der Ausstellung, die nach Mannheim auch in weiteren deutschen Städten gezeigt werden soll, erscheint im November ein Katalog. Darin soll es auch fotografiegeschichtliche Einordnungen geben.