Picasso und Liebermann zum Anfassen

Wie kann man Bilder berühmter Künstler für blinde Menschen sichtbar machen? Die Neusser Designerin Sylvia Schalley überträgt die Kunstwerke in dreidimensionale Modelle zum Ertasten.

Dieses Selbstbildnis von Paula Modersohn-Becker hat Designerin Sylvia Schalley in ein Tastmodell übertragen
Dieses Selbstbildnis von Paula Modersohn-Becker hat Designerin Sylvia Schalley in ein Tastmodell übertragenepd-bild / Hans-Jürgen Bauer

Das Markante an dem Selbstporträt des Malers Max Liebermann aus dem Jahr 1922 ist sein Blick, ein wenig misstrauisch, ein wenig weise: An diesem Ausdruck arbeitet die Designerin Sylvia Schalley gerade. Sie macht ein Tastmodell des Gemäldes für das Berliner Max-Liebermann-Haus. Dort sollen Besucherinnen und Besucher, die blind oder sehbehindert sind, diesen Blick im nachgebildeten Gesicht des Malers allein mit ihrem Tastsinn erkennen.

Dafür hat Schalley den Kopf, den Kragen, die Krawatte schon dreidimensional gestaltet. Aber gerade am Ausdruck der Augen sei die besondere Fähigkeit dieses Künstlers zu erkennen. „Seiner Sorgfalt möchte ich gerecht werden“, sagt die Designerin in ihrem Atelier in Neuss. Darum geht es ihr bei allen Tastmodellen, die sie für Museen, Gebäude oder Innenstädte entwirft und fertigt.

Feinste Strukturen

Sie kratzt in der Modelliermasse, zeichnet Strukturen mit Spachteln nach, um Feinheiten des Gemäldes auf ihr Werk zu übertragen. Wenn es fertig ist, wird das Modell in Harz gegossen, gefärbt und dann neben dem Original aufgestellt: „Auch sehende Besucher, besonders Kinder, verstehen das Porträt besser, wenn sie es mit der Nachbildung vergleichen können.“ Seit etwa 15 Jahren macht die Designerin solche Tastmodelle, damit Menschen mit Sehbehinderungen sich eine Vorstellung von den Originalen machen können. „Der Anspruch von sehbehinderten Menschen auf gleichberechtigten Zugang zur Kunst wird oft nicht beachtet“, sagt sie.

Feinste Strukturen zu modellieren hat Sylvia Schalley in ihrem ersten Beruf gelernt: Sie war Zahntechnikerin. Als sich ihre Sorgfalt auf dem Gebiet nicht mehr lohnte, weil in den 1990er Jahren billiger Zahnersatz auf den Markt kam, studierte sie Design.

Sylvia Schalley arbeitete früher als Zahntechnikerin
Sylvia Schalley arbeitete früher als Zahntechnikerinepd-bild / Hans-Jürgen Bauer

Eine Stellenausschreibung – „wie für mich geschrieben, wo wird sonst schon eine Zahntechnikerin und Designerin gesucht?“ – führte sie zu ihrem neuen Beruf: Für die Deutsche Blindenstudienanstalt (blista) in Marburg, einem Zentrum verschiedener Schulen für Kinder und Jugendliche mit Sehbehinderungen, sollte sie Tastmodelle entwickeln und gestalten. Damit Schülerinnen und Schüler sich Geometrie, etwa die Berechnung von Kreisen oder Kugeln, vorstellen können, müssen Bilder aus den Schulbüchern in tastbare Versionen übertragen werden. Dazu schuf Schalley die Vorlagen.

In der Zusammenarbeit mit blinden und sehbehinderten Kindern habe sie gelernt, die Modelle so zu gestalten, dass sie vielen Betroffenen nützen, erzählt die Designerin. Zunächst habe sie sich klarmachen müssen, dass die Finger immer nur jeweils einen kleinen Ausschnitt eines Werkes erfühlen. Während sehende Menschen auf einen Blick das ganze Bild erkennen, erkunden Tastende von einer Stelle aus nach und nach die Komposition. Daher gestaltet Schalley an jeder Stelle eines Modells Strukturen, fügt etwa für Farben, die sich wiederholen, immer dasselbe Material ein, dieselbe Oberfläche. Meist setzt sie unterschiedliche Elemente in verschiedenen Höhen voneinander ab. Auf dem Bild von Max Liebermann etwa liegen Gesicht, Hals, Krawatte und Hemd jeweils auf einer eigenen Ebene.

Der Trick mit der Kiste

Tastmodelle von Skulpturen zu schaffen, sei eine eigene Herausforderung, sagt die Designerin. Zu groß sei die Versuchung, das Werk eines Bildhauers einfach nachzubauen. Das aber verbiete das Plagiatsrecht zumindest bis zum 70. Todestag eines Künstlers und einer Künstlerin. Für die Kunsthalle Bremen wollte sie eine Bildhauerarbeit Max Beckmanns nachbilden, ohne sie einfach zu kopieren. Der Ausweg: Schalleys Skulptur wurde in eine Kiste gestellt. Die Figur ist damit allen Augen entzogen. Nur Hände können sie durch Öffnungen in den Wänden tastend wahrnehmen. Das Modell ist ein eigenständiges Werk geworden.

Manche Kunstrichtungen eigneten sich besser als andere für Tastmodelle. Arbeiten des Kubismus findet Schalley besonders reizvoll. Künstler wie Pablo Picasso oder Georges Braque haben fast abstrakte Stillleben geschaffen, mit Gegenständen, aus verschiedenen Materialien, ineinander geschachtelt. Schalley baut in vergleichbaren Werken die Elemente mit dem jeweiligen Material nach und kommt damit dem Original nahe, schafft sogar den dreidimensionalen Effekt, den die Gemälde nur andeuten.

Auch darin sieht sie einen Beitrag zur Inklusion, zur gleichberechtigten Teilhabe aller Besucherinnen und Besucher eines Museums: „Wer mein Modell mit dem originalen Bild vergleicht, versteht beides besser.“ Und vor allem könnten auch Besucher, die nicht sehbehindert sind, einem Impuls nachgeben, den viele kennen: endlich Bilder anfassen zu dürfen.