Ökumenische Spielräume

Bei Gottesdiensten in Frankfurt soll die gegenseitige Teilnahme am Abendmahl möglich sein – trotz verschiedener Konfessionen. Keine große Sache oder echter Fortschritt? Eine Analyse.

Das Abendmahl gehört jetzt zu den Aufgaben von Kai-Uwe Scholz Foto: Thomas Lohnes / epd
Das Abendmahl gehört jetzt zu den Aufgaben von Kai-Uwe Scholz Foto: Thomas Lohnes / epd

Frankfurt a.M. Mehr ist in der Ökumene derzeit nicht möglich: Auf dem Ökumenischen Kirchentag vom 13. bis 16. Mai in Frankfurt am Main will man mit „ökumenisch sensiblen“ Gottesdiensten einzelnen Gläubigen die gegenseitige Teilnahme an Abendmahl und Eucharistiefeier ermöglichen. Das sei jedoch weder eine ökumenische Sensation noch ein gemeinsames Abendmahl, räumt Catholica-Referent Martin Bräuer von Konfessionskundlichen Institut des Evangelischen Bundes im südhessischen Bensheim ein. Für die Protestanten sei es keine große Sache, für die katholische Seite allerdings ein „bedeutsamer Schritt“.

Die Veranstalter des weitgehend dezentralen und digitalen 3. Ökumenischen Kirchentags vom 13. bis 16. Mai laden Gemeinden in Frankfurt aber auch in ganz Deutschland dazu ein, für Samstagabend, 15. Mai, Begegnungen zwischen den Konfessionen zu ermöglichen. Die Gewissensentscheidung der einzelnen Gottesdienstbesucher, ob sie an der Mahlfeier der jeweils anderen Konfession teilnehmen, soll respektiert werden. Der evangelische, römisch-katholische und evangelisch-freikirchliche Gottesdienst sowie eine orthodoxe Vesper in Frankfurt werden auch live im Internet übertragen.

„Als Gäste willkommen“

Dieses Angebot darf nicht missverstanden werden: Der Bischof des gastgebenden Bistums Limburg, Georg Bätzing, schrieb im März in einem Brief an die Priester des Bistums Limburg, mit Blick auf den Ökumenischen Kirchentag könne es keine Interzelebration, also eine gemeinsame Feier einer Heiligen Messe durch Geistliche verschiedener Konfessionen, keinen generellen, konfessionsübergreifenden Empfang der Eucharistie (Interkommunion) und keine neuen Formen von eucharistischen Feiern geben.

Bischof Georg Bätzing Foto: Sascha Steinbach / EPA-Pool
Bischof Georg Bätzing Foto: Sascha Steinbach / EPA-PoolEPA-EFE

Trotz bestehender Unterschiede sei es Christinnen und Christen anderer Konfessionen möglich, an der Liturgie anderer teilzunehmen, so Bätzing, der auch Vorsitzender der katholischen Deutschen Bischofskonferenz ist: „Nichtkatholische Teilnehmende sollen sich als willkommene Gäste erfahren.“ Allerdings sei eine allgemeine Einladung aller Getauften in der Eucharistiefeier aufgrund der nicht verwirklichten vollen Kirchengemeinschaft bislang nicht möglich, fügte er mit Blick auf die evangelische Kirche hinzu, wo alle Getauften grundsätzlich zum Empfang des Abendmahls eingeladen sind.

Wer nicht einlädt, muss also auch nicht ausladen oder zurückweisen. Voraussetzung für einen würdigen Empfang der eucharistischen Gaben ist Bischof Bätzing zufolge sowohl für Katholiken wie Nichtkatholiken die Prüfung des eigenen Gewissens: „Als Seelsorger respektieren wir die Gewissensentscheidung, wenn jemand nach ernster Prüfung und in Übereinstimmung mit dem katholischen Glauben die Heilige Kommunion empfängt“, so der Bischof. Das heißt: Wer als Protestant die heilige Kommunion empfängt, wird in diesem Moment auch ein Stück weit römisch-katholisch.

Schon 2003 gab’s Probleme

Was man auf alle Fälle vermeiden will, sind Vorgänge wie auf dem Ersten Ökumenischen Kirchentag 2003 in Berlin. Dort war es wegen des Abendmahls zum Konflikt gekommen. Außerhalb des offiziellen Programms gab es ökumenische Gottesdienste, in denen ausdrücklich zur gegenseitigen Gastfreundschaft bei Eucharistie und Abendmahl eingeladen wurde. Wegen seiner aktiven Teilnahme daran wurde der aus Österreich stammende katholische Theologieprofessor und katholische Priester Gotthold Hasenhüttl vom Priesteramt suspendiert und verlor die kirchliche Lehrerlaubnis. Später trat der heute 87-Jährige aus der römisch-katholischen Kirche aus.

Der Ökumenische Arbeitskreis evangelischer und katholischer Theologen hat 2019 das Votum „Gemeinsam am Tisch des Herrn“ veröffentlicht. Darin sprechen sich führende Theologen beider Konfessionen, unter ihnen auch Bätzing, für die Möglichkeit der wechselseitigen Teilnahme aus, weil nach ihrer Auffassung nicht die Kirche, sondern Jesus Christus zum Abendmahl einlädt.


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Der in Fragen der katholischen Lehre maßgebliche Vatikan lehnte das Votum jedoch ab. Dass die „ökumenisch sensiblen“ Mahlfeiern auf dem Frankfurter Kirchentag erneute Reaktionen des Vatikans auslösen könnten, glaubt Ökumene-Experte Bräuer jedoch nicht. Schon allein deshalb nicht, weil es ja keine offizielle Einladung gibt. Allerdings werde der Vatikan das Geschehen beobachten, so Bräuer.

Unklar bleibt bislang, in welcher Form eine analoge Teilnahme vor Ort überhaupt möglich sein wird. Corona könnte der ökumenischen Annäherung am Ende noch einen Strich durch die Rechnung machen. (epd)