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Obdachloser Wohltäter “Schwalbe” löst Welle der Solidarität aus

Ein Obdachloser in Stuttgart sammelte zu Weihnachten aus Flaschenpfand 200 Euro für alleinerziehende Mütter. Die beispiellose Aktion hat bundesweit Bewunderung ausgelöst – und eine Spendenwelle mit bislang 8.500 Euro.

Die fast unglaubliche Geschichte begann kurz vor Weihnachten 2025. Inzwischen ist sie für viele Menschen in ganz Deutschland zu einem Lehrstück über selbstloses Handeln geworden. Ein in Stuttgart lebender Obdachloser brachte durch das tägliche Sammeln von Pfandflaschen 200 Euro zusammen – und verschenkte das Geld!

“Mit dem Geld sorgt bitte dafür, dass zwei alleinstehende Mütter ein etwas schöneres Fest haben”, schrieb er mit blauem Kuli auf einen karierten Zettel. Das Geld übergab er der Stuttgarter Ordensschwester Nicola Maria, die ihn schon länger kennt. Eine stille Geste. Schwester Nicola Maria leitete seine Spende an den Sozialdienst katholischer Frauen (SkF) der Diözese Rottenburg-Stuttgart weiter.

Nach der Veröffentlichung der Geschichte über den beispiellosen obdachlosen Wohltäter, der anonym bleiben will und sich “Schwalbe” nennt, setzte eine Welle der Solidarität ein. Schon 8.500 Euro sind bis jetzt beim SkF für alleinerziehende Mütter in Not eingegangen – unter dem Stichwort “Schwalbe”. Darunter seien Spenden zwischen 5 Euro und 1.000 Euro, sagte SkF-Chefin Svenja Gruß am Donnerstag der Katholischen Nachrichten-Agentur (KNA). “Aber 200 Euro – also die Summe, die auch ‘Schwalbe’ gegeben hat – haben die meisten gespendet.”

Das sei “überwältigend”, so die 51-jährige hauptamtliche SkF-Vorständin, die in regelmäßigem Kontakt mit “Schwalbe” steht. Hunderte Kommentare in den Sozialen Medien, Briefe und persönliche Nachrichten hätten den SkF erreicht. “Ich bekam rund 50 Mails von Menschen aus ganz Deutschland und dem Ausland”, sagt Gruß, “von Leipzig bis Aachen, von Österreich bis Dänemark”.

Briefe landeten bei ihr mit der Aufschrift “Für Schwalbe” oder “Zu Händen Herrn ‘Schwalbe'”. Viele Menschen wollten dem Obdachlosen direkt für seine Idee danken, ihre Bewunderung und ihren Respekt ausdrücken oder ihm konkrete Hilfe anbieten: von Einladungen zum Essen oder zum Kaffee über Bücher- und Einkaufsgutscheine bis hin zu Geldspenden.

Doch dann kam die nächste Überraschung: “Schwalbe” war zwar “tief bewegt”, machte jedoch deutlich, dass er selbst nichts benötige. Die Spenden sollten vielmehr weitergegeben werden an den SkF der Diözese, der Hilfe für alleinerziehende Mütter in prekären Lebenslagen anbietet. “Schwalbe” sagte es mit diesen Worten: “Ich brauche nichts. Ich habe, was ich brauche. Ich lebe bloß anders, das heißt nicht, dass es mir schlecht geht. Die Leute können das Geld euch geben und ihr gebt das Geld an alleinerziehende Mütter in Not weiter.”

Diese Not ist auch in Stuttgart groß: In rund 12.000 Haushalten in Stuttgart wachsen Kinder mit nur einem Elternteil auf, meist der Mutter. Laut dem Sozialdatenatlas des Sozialamts gehören “alleinerziehende Mütter zu den Gruppen mit dem höchsten Armutsrisiko in Stuttgart”. Viele der Frauen, die vom SkF im Mutter-Kind-Wohnheim “Paulusstift” in Stuttgart begleitet werden, kämen trotz Ausbildung oder Arbeit aus “existenziell unsicheren Verhältnissen”, betont Gruß.

“Schwalbes” ursprüngliche 200-Euro-Spende kam unter anderem einer alleinerziehenden Mutter aus dem Paulusstift zugute. “Sie konnte davon warme Winterstiefel für sich und ihr Kind kaufen.” Die inzwischen eingegangenen Spenden von genau 8.517 Euro würden gezielt für die Existenzsicherung von Frauen und ihren Kindern eingesetzt, etwa für medizinische Leistungen oder Zuzahlungen.

Auch die Situation der meisten Obdachlosen sei dramatisch. “Viele Menschen, die auf der Straße leben, gerade auch Frauen, sind in großer Not. Die haben sich das nicht ausgesucht!”, sagt Gruß. “Schwalbe”, früher in der Punkszene, lebe seit etwa 35 Jahren auf der Straße, und sei eine Ausnahme. “Für ihn ist es das ‘normale’ Leben, sein Lebensentwurf.”

Seinen Namen bekam er von Kumpeln. Aus “der Schwabe” wurde “der Schwalbe”. Und die SkF-Vorständin findet: “Schwalbe – das passt doch richtig gut zu ihm!” Ein Vogel, der wie kaum ein anderer frei und mit atemberaubenden Flugmanövern den Himmel durchstreift.

Interviews wolle er aber nicht geben und auch nicht fotografiert werden. Die Stuttgarter Vinzentinerin Nicola Maria, der er die 200 Euro übergab, sagt, er sei ein belesener, “sehr kontemplativer” und gläubiger Mensch. “Du weißt doch, dass ich Jesus versprochen habe, dass ich ihm nachfolge”, habe er ihr gesagt. Und dafür braucht er nicht viel Materielles.

Svenja Gruß überbrachte ihm auch Praktisches: eine kälteisolierende Isomatte und einen Biwak-Überwurf für seinen Schlafsack. Beides war für ihn abgegeben worden. Die Isomatte habe er nicht gebraucht. “Nur den Biwak-Überwurf hat er angenommen.”