„Nur ein scheinbarer Widerspruch“

Der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime in Deutschland erläutert im Interview mit der Evangelischen Zeitung, was westliche und muslimische Lebensart gemeinsam haben – und was gegen Vorurteile hilft.

Unterscheidet sich der Glaube der Flüchtlinge von dem der Muslime, die schon seit Jahren und Jahrzehnten hier leben, also in einer westlich geprägten Gesellschaft?
Aiman Mazyek: Die Einflüsse sind vielfältiger, etwa sozialer, politischer, kultureller Art. Aber auch Herkunft und Erziehung entscheiden. Religion ist nur ein Faktor von vielen. Und ja, selbstverständlich werden sich diese Faktoren auswirken. In der Regel sind die Muslime aus Syrien und Irak aufgeklärt im Glauben, da sie akademisch gebildet sind und den Koran lesen und verstehen können. Viele der damaligen Gastabeiter aus dem ländlichen Raum aus Anatolien konnten das nicht.
Gibt es Bemühungen hiesiger Moschee-Gemeinden oder des Zentralrates, die neu ankommenden Gläubigen aufzunehmen? Oder neigen diese eher dazu, sich in neuen Gemeinden zusammenzufinden, um ihre traditionellen Formen zu wahren?
Die meisten Schutz suchenden Muslime kommen aus arabischen Ländern – und die größte Gruppe der im Zentralrat verbundenden Moscheegemeinden  und -vereine hat auch einen arabischen Hintergrund, auch wenn in den meisten Deutsch die Verkehrssprache ist. Diese Gemeinden sind zurzeit von der großen Anzahl von neuen Mitgliedern betroffen. Sie suchen händeringend größere Räume und neue Moscheen. Die vielen Ehrenamtler helfen seit Monaten, Essen zu verteilen und Schlafgelegenheiten vorzubereiten. Als Kulturdolmetscher sind unsere Integrationslotsen unterwegs. Seelsorger und Imame gehen in die Flüchtlingsheime.
Können Sie absehen, ob sich durch den Zustrom einer größeren Zahl von Muslimen auch die Struktur der muslimischen Gesellschaft in Deutschland ändert? Wird sie konservativer? Oder werden die Neuankömmlinge sich eher den hiesigen Lebensgewohnheiten anpassen?
Westliche und muslimische Lebensart sind nur ein scheinbarer Widerspruch. Sicher war die erste Generation türkischer Muslime in Deutschland eher durch einen völkischen Islam geprägt, der jedoch durch die zweite und dritte Generation fragmentiert wurde. Die Schutzsuchenden aus Syrien und dem Irak sind zu großen Teilen Akademiker, die ihren Glauben unter diktatorischen Bedingungen leben mussten; sie müssen jetzt erst einmal lernen, ihn in einer freien Gesellschaft ausüben zu können. Ähnliches haben die jüdischen Gemeinden vor Jahren erlebt, als aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion zahlreiche neue Gemeindeglieder dazukamen. Ich denke, da sehen sich die Flüchtlinge ebenso wie die hiesigen Gemeinden vor ähnlichen He-rausforderungen.
Fürchten Sie, dass durch die große Zahl von Neuankömmlingen die Vorurteile mancher Deutscher gegenüber Muslimen verstärkt oder auch erst ausgelöst werden? Was kann der Zen-tralrat der Muslime dagegen tun?
Bezüglich der Schutzsuchenden gibt es wenige Ereignisse, die so etwas bewirken könnten. Es sind vielmehr rechtsradikale Gruppen, die so etwas instrumentalisieren, um damit Angst und Protest zu schüren. Dagegen hilft nur der Dialog, das Gespräch, um sich besser kennenzulernen und Ängste abzubauen. Typisch ist, dass es in Ostdeutschland, wo kaum Muslime leben, die meisten Ängste und Widerstände gibt. Damit müssen wir uns beschäftigen und auch mit den besorgten Menschen den Dialog führen. Aber bei Extremisten, die Asylheime anzünden oder Übergriffe auf Muslime und ihre Einrichtungen organisieren, die katastrophalerweise fast täglich in Deutschland stattfinden, müssen wir klar null Toleranz zeigen und das den Strafverfolgungsbehörden überlassen.
Das Interview führte Michael Eberstein.