Einsichten – die christliche Kolumne

Lohn der Angst

Über die Furcht vor einer drohenden Erfolglosigkeit spricht Tilmann Baier. Er ist Pastor und Chefredakteur der Evangelischen Zeitung und der Mecklenburgischen&Pommerschen Kirchenzeitung.

Der Predigttext des kommenden Sonntags lautet: „Herr, ich wusste, dass du ein harter Mann bist. … Ich fürchtete mich, ging hin und verbarg deinen Zentner in der Erde.“ aus Matthäus 25, 14-30

Es ist ein verstörender Satz, ein richtiger Stolperstein: „Wer da hat, dem wird gegeben werden, und er wird die Fülle haben; wer aber nicht hat, dem wird auch, was er hat, genommen werden.“ Er klingt, als ob er aus einem neoliberalen Handbuch für angehende Finanzfondsmanager stammt. Doch er ist das Fazit eines Gleichnisses, das Jesus erzählt: Da übergibt ein reicher Mann seinen Angestellten Teile seines Reichtums. Sie sollen damit in seiner Abwesenheit Handel treiben, es vermehren. Während die beiden, die fünf und zwei Zentner Silber erhalten hatten, dabei mehr oder weniger erfolgreich sind, bekommt der Dritte, dem ein Zentner zugeteilt wurde, Angst vor der Verantwortung: Was wird der strenge Chef mit ihm anstellen, wenn er Verluste macht? Lieber sorgt er dafür, dass ja nichts verloren gehen kann, und vergräbt das Silber.

Als nun der Chef zurückkehrt, übergeben die beiden Ersten ihm das Anvertraute samt dem erwirtschafteten Gewinn und werden dafür gelobt. Doch der, der das Silber vergraben hatte und unbeschadet, aber auch ungenutzt zurückgibt, wird abgestraft. Er wird verstoßen und der ihm anvertraute Zentner dem Erfolgreichsten gegeben.

Eine harte Geschichte, die Jesus da erzählt. In der Luther­bibel ist sie überschrieben mit „Von den anvertrauten Talenten“. Talente sind ein altes Maß für Metalle, ursprünglich eine Maßeinheit für die Last, die ein Mann tragen kann. Nicht umsonst benutzen wir heute dieses Wort für die Gaben, die jemand mitbekommen hat. Diese mir von Gott anvertrauten Gaben soll ich einsetzen zum Aufbau seines Reiches.

Die Pointe der Geschichte ist: Drohende Erfolglosigkeit ist kein Grund, nichts zu tun. Doch wenn ich Jesus richtig verstehe, ist selbst die Untätigkeit nicht das Grundübel. Bestraft wird die Angst vor einem strafenden Chef. Die Ursünde ist, in Gott nur den harten Richter zu sehen. Denn diese Angst lähmt und verhindert den Aufbau seines Reiches. Im 1. Johannesbrief heißt es: „Furcht ist nicht in der Liebe, sondern die völlige Liebe treibt die Furcht aus.“

Unser Autor
Tilman Baier ist Pastor und Chefredakteur der Evangelischen Zeitung und der Mecklenburgischen&Pommerschen Kirchenzeitung.

Zum Predigttext des folgenden Sonntags schreiben an dieser Stelle wechselnde Autoren. Einen neuen Text veröffentlichen wir jeden Dienstag.

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