Kunstvolle Webstoffe aus der Paramentenwerkstatt Ratzeburg

Leuchtende Farben für Altar und Kanzel

Im Ratzeburger Dom haben Kathrin Niemeyer und ihr Team sich einem uralten Handwerk verschrieben: Sie weben Textilien für evangelische Kirchen – mit Herzblut und Präzision.

Kathrin Niemeyer an ihrem Webstuhl

von Nadine Heggen

Ratzeburg. Rotes Garn verwendet Kathrin Niemeyer für ihre Kunstwerke besonders gern: In der seit 65 Jahren bestehenden Paramentenwerkstatt im Ratzeburger Dom webt die 50-jährige Werkstattleiterin Textilien für evangelische Kirchengemeinden aus ganz Deutschland: Behänge für die Kanzel, Webstücke für den Altar und Stolen für die Pastoren. Die Farben der Tücher und Gewänder richten sich danach, was das Kirchenjahr vorgibt. Rot war gerade zu Pfingsten dran – als energievolle Farbe, die den Heiligen Geist repräsentieren soll.

Kathrin Niemeyers Reich liegt im Ostflügel des Ratzeburger Doms. Eine steile Holztreppe führt in die Werkstatt mit Blick auf den Ratzeburger See. Dort teilt sich die Handwebmeisterin mit einer Handstickmeisterin und einer Schneiderin die Arbeit. Was in der Paramentenwerkstatt entsteht, ist pures Kunsthandwerk. Maschinen gibt es nicht – abgesehen von einem Computer im Nebenraum für Mails und die Internetseite. Ansonsten bestimmen traditionelle Webstühle das Bild. Auf dem Tisch liegen Nadeln, Stickrahmen und Stifte.

Arbeit dauert bis zu einem Jahr

Handstickmeisterin Eva Brauer beugt sich gerade mit Nadel und Faden über ein quadratisches Stück feines Leinen. Sie bestickt ein Velum, ein Tuch zum Bedecken des Abendmahlsgeschirrs. Es gehört zu einem Auftrag für die Kirchengemeinde in Schwesing (Kreis Nordfriesland). Der dazugehörige Altarbehang ist bereits fertig: In leuchtenden Grün- und Gelbtönen hängt das knapp ein Quadratmeter große Tuch über einem Webstuhl.

Von der Anfrage bis zum fertigen Parament dauert es bis zu einem ein Jahr. Wenn eine Kirchengemeinde bei Kathrin Niemeyer liturgische Textilien  in Auftrag gibt, schaut sie sich zunächst die Kirche an. „Ich fahre immer vormittags hin, zu der Zeit, zu der auch die Gottesdienste stattfinden. Dann bekomme ich einen Eindruck von der Atmosphäre und der Lichtstimmung in der Kirche.“ Im Gepäck hat sie zahlreiche Probestücke, aber auch viele Fotos von fertigen Paramenten. Die projiziert sie mit einem Beamer auf die Kanzel oder den Altar, um mit dem Kirchenvorstand herauszufinden, welche Farben und Motive in die Kirche passen.

In die Schwesinger Kirche passte der Stil der Lübecker Sylvia Behrens am besten. Die Künstlerin fertigte einen Entwurf, den Niemeyer mit der Kirchengemeinde abstimmte und in eine Werkszeichnung übertrug. Dazu suchte sie passende Garne in unterschiedlichen Grün- und Gelb-Tönen. Dann begann sie mit großer Sorgfalt zu weben – Reihe für Reihe, Motiv für Motiv, Stunde um Stunde. Nach zwei Monaten war das Parament fertig.

Grün bestimmt das Kirchenjahr

Das lateinische Wort „Paramente“ besteht aus zwei Wörtern: „parare“ heißt „bereiten“ und „mensa“ bedeutet „Tisch“. „So wie wir zu Hause vor einem Fest bewusst den Tisch decken, Servietten und Kerzenleuchter aussuchen, gestalten wir mit Paramenten die Atmosphäre im Gottesdienst“, sagt Niemeyer. Oftmals sind die Paramente in Kirchengemeinden bis zu 40 Jahre lang in Gebrauch.

Viel Herzblut und Präzision steckt Niemeyer in ihre Arbeit. „Wir gehen sehr sorgfältig mit unseren Materialien um und legen viel Wert auf Qualität.“ Dafür erhalten die Gemeinden Handarbeit nach ihren speziellen Wünschen. Die meisten Textilien werden als Gobelin gewebt. Bei dieser Technik werden die Motive in eine textile Fläche eingewebt. Das Garn für die Paramente färbt das Team in der Werkstatt oftmals selbst, um den richtigen Farbton zu finden.

Mit dem Klopfer wird jeder Faden am Webstuhl einzeln verarbeitet. Foto: Nadine Heggen

Grün kommt im Kirchenjahr besonders häufig vor. Entsprechend groß ist das Repertoire an Grüntönen in der Werkstatt. Die mehr als 100 Garne reichen von „grün, blass, bläulich“ über „grün, hell, kräftig“ bis hin zu „grün, olive, dunkel“ und „grün, dunkel, bläulich“. Niemeyers größte Leidenschaft gilt den roten Paramenten, mit denen die Kirche zu Pfingsten geschmückt wird. „Rot steht für Liebe und Elan, hat viel Kraft und Wärme.“

Neben freien Künstlern fertigt Kathrin Niemeyer auch oft selbst Entwürfe für die Paramente an. Sie kennt sich gut mit Bibeltexten aus. Seit den eigenen Kindergottesdiensttagen bringt sie sich aktiv in die Ratzeburger Domgemeinde ein und singt dort im Kirchenchor. Vor 20 Jahren kam sie her und leitet seitdem die Paramentenwerkstatt in Ratzeburg, die dem Zusammenschluss von 20 deutschen Werkstätten in der Marienberger Vereinigung für Paramentik angehört.

Werkstatt macht Verluste

Weil die katholischen Kirchengemeinden eine andere Tradition für liturgische Farben haben, bekommt Niemeyer die meisten Anfragen von evangelischen. 30 Paramente für 15 Auftraggeber erstellt die Werkstatt pro Jahr. Ein Quadratmeter Parament kostet etwa 5.000 Euro. Oftmals sind es Privatpersonen, die das Geld für die Paramente stiften. Zusätzlich bekommt die Werkstatt Aufträge zur Reinigung gebrauchter Paramente.

Ein jährliches Defizit von 6.000 bis 12.000 Euro bleibt dennoch. Von der Nordkirche bekommt die Paramentenwerkstatt seit 2004 keine finanziellen Zuschüsse mehr. Das Minus wird ausgeglichen durch Spenden, Kollekten,  von einem Förderverein und vom Träger der Werkstatt, der Evangelischen Stiftung Alsterdorf. (epd)

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