Besonderes Kulturprojekt

Leben, Sterben und Musik

„Letzte Lieder“ heißt die Konzertreihe mit Lesung von und mit Stefan Weiller, der im September zu Gast in Hannovers Marktkirche ist. Das Besondere daran: Er hat Menschen am Sterbebett besucht und sie gefragt, welches Musikstück für sie wichtig ist.

Stefan Weiller fragt Menschen im Sterbebett, welche Musik in ihrem Leben eine wichtige Rolle gespielt hat

von Bettine Albrod

Niedersachsen. Sterbende erzählen von der Musik ihres Lebens, und Stefan Weiller hört ihnen zu und entwickelt daraus ein besonderes Kulturprojekt: „Letzte Lieder“ heißt eine Konzertreihe mit Lesung, mit der Stefan Weiller am Samstag, 10. September, in der Marktkirche in Hannover zu Gast ist. Für das Programm hat er Menschen am Sterbebett besucht und sie gefragt, welches Musikstück für sie wichtig ist und mit welcher Lebenssituation sie es verbinden. Das Ergebnis sind sehr persönliche Einblicke zum Thema Leben, Sterben und Musik.

Erste Begegnung mit dem Tod

Entstanden ist die Idee, als Weiller als Journalist ein Hospiz in Wiesbaden besuchte. „Es war meine erste Berührung mit dem Thema Sterben“, erklärt er. „Ich war nervös und ängstlich. Die Frau, mit der ich sprechen sollte, hörte in ihrem Zimmer ,Immer wieder sonntags‘ von Cindy und Bert, und ich habe im Kopf automatisch ergänzt ,Dubidubidubdub‘. Mit so banaler Musik hatte ich nicht gerechnet.“ Spontan fragte er: „Sie hören Schlager? Was verbinden Sie damit?“ Daraus entwickelte sich ein zweistündiges Gespräch. „Die Frau hat ihre Biografie mit Musik verknüpft, und ich konnte auch nach dem Alltag des Sterbens fragen.“ Danach erkannte Weiller, dass ein Artikel dem Thema nicht gerecht wird, und machte ein Buch daraus, später das Projekt „Letzte Lieder“.

Neue Besuche für jede neue Lesung

Damit tritt er seit 13 Jahren im gesamten Bundesgebiet auf, und es ist jedes Mal wieder eine Premiere. Denn für jeden Auftritt besucht Weiller, der Sozialpädagogik studiert hat, erneut Menschen im Hospiz in der jeweiligen Region. Die Musikgeschichten, die Weiller sammelt, sind jedes Mal andere. „Durch die Musik bildet sich eine Brücke in die Lebenserfahrung der Betroffenen“, schildert er. „Ich will nicht wissen, welches Lied sie zu ihrer Beerdigung hören wollen, sondern welches sozusagen der Soundtrack ihres Lebens ist.“ Ganz obenan stehe bei den Antworten die Popmusik. „Popmusik gibt uns das Gefühl, persönlich gemeint zu sein, und sie läuft im Hintergrund“, ergänzt Weiller, „dadurch verknüpft sie sich mit bestimmten Erlebnissen.“ Oft werde von den Befragten das Lied genannt, das zur Hochzeit gespielt wurde, beim ersten Kuss, einer habe das Lied seiner Scheidung genannt. „Das war für ihn eine Freiheitshymne.“ Auch Mozart oder Schubert spielten eine große Rolle. Jede Musik sei wertvoll, wenn sie einen Wert setze, so der Autor.

Musik als Brücke ins Sterben

Häufig seien auch anspruchsvolle Kinderlieder dabei wie „Der Mond ist aufgegangen“, das bei den Älteren zu den frühen akustischen Erfahrungen gehöre. „Das Lied vermittelt Verheißung und Trost. Was das Kind getröstet hat, tröstet jetzt auch den Erwachsenen, der sich mit dem Sterben konfrontiert sieht.“ Auf diese Weise werde die Musik auch zu einer Brücke ins Sterben. Über das Programm eröffne sich auch für den Zuschauer ein Weg, sich mit der eigenen Sterblichkeit auseinanderzusetzen. „‚Letzte Lieder‘ ist eine Veranstaltung, die mit jedem Einzelnen zu tun hat“, betont Weiller. „Die ‚Letzten Lieder‘ lassen mich ich in der Begegnung mit Sterbenden die Fülle des Lebens erkennen, mit allen Abgründen und Schönheiten, mit Traurigkeit, Humor und Musik­.“

Professionelle Künstler spielen und sprechen bei den Veranstaltungen von Stefan Weiller
Professionelle Künstler spielen und sprechen bei den Veranstaltungen von Stefan Weiller

Erstmals Corona-Dialoge

Weiller lässt den Sterbenden ihren privaten Raum, veröffentlicht alles nur paraphrasiert und ohne Namen und persönliche Daten. Dabei interessiert ihn bei dem stets aktualisierten Projekt auch die Veränderung in den vergangenen zehn Jahren. „Corona hat den Umgang mit Sterben verändert, deshalb wird es in der Marktkirche erstmals auch Corona-Dialoge geben“, kündigt Weiller an. Zusätzlich sind drei Filme im Hospiz entstanden, bei denen die Pflegekräfte im Mittelpunkt stehen. Schließlich hat Weiller für Niedersachsen das Chanson „Göttingen“ der französischen Sängerin Barbara ins Programm aufgenommen. „Entstanden ist es 1964 bei einem Auftritt in Göttingen, und es thematisiert den Umgang mit Kriegstraumata und den Neuanfang.“ Als Friedenslied passe es zum gegenwärtigen Krieg in der Ukraine.

Unterstützt von Schauspielern und Musikern

Für die Präsentation der Geschichten und Lieder greift Weiller auf professionelle Künstler zurück. So wird in Hannover der Schauspieler Christoph Maria Herbst als Sprecher zu hören sein, der gemeinsam mit Birgitta Assheuer – als Stimme auf vielen Hörbüchern bekannt – und mit dem Schauspieler Uwe Kraus die Lesungen macht. Ein Orchester und Solisten präsentieren die Lieder. „Keiner nimmt das Sterben leicht“, sagt Weiller, „aber nach dem Abend nimmt man vielleicht das Leben ein bisschen leichter.“

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