Leben nach dem Krieg

Geschichten die nahe gehen: die Autorin berichtet über zwölf Frauen die als Kriegskinder in Ost und West aufgewachsen sind.

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Zwölf Porträts versammelt Barbe Maria Linke, geboren 1944, in der DDR aufgewachsene Theologin und Publizistin, engagiert in „Frauen für den Frieden“, 1983 verhaftet aufgrund politischer Aktivitäten und nach West-Berlin übergesiedelt. Sie hat Frauen befragt, die Kriegskinder sind, als Kinder in Kriegszeiten heranwuchsen oder kurz nach dem Krieg geboren wurden – wie Linke. Sechs von ihnen lebten in der DDR, sechs in West-Deutschland.
Bei allen Gemeinsamkeiten – jede erlebte ihre persönliche Geschichte. Eine aktiver und selbstverantwortlich; die andere gedrängt von Menschen und Umständen. Die einen in der Diktatur Ost-Deutschlands oder gezwungenermaßen übergesiedelt in das Land der anderen, in die Freiheit des Westens. Wie Rita Süssmuth im Vorwort sagt, so einfach ist es nicht. Jedes Leben ein eigenes Universum. Die Brüche, die Wunden, die Narben, die der Krieg den Familien schlug, die nie aufhörten zu pochen und zu schmerzen, werden untergründig mitgetragen von den Frauen – und ihren Kindern. Der Sohn der einen nahm sich das Leben, die Tochter der anderen hat den Kontakt abgebrochen. Verlorene Sprache, durch Generationen. Alle Frauen scheinen froh, Auskunft geben zu können.
Ein anregendes Buch, wenn man die Einzelschicksale nicht nur für sich genommen liest, sondern verbunden durch die gemeinsamen Erfahrungen des Krieges, der psychischen Erstarrung, des Mauerbaues, des Mauerfalls. Ein aufregendes Buch, wenn man sich selbst in den Porträts wiedererkennt oder gar die eigene Mutter, die Großmutter. Auf jeden Fall Anlass, das eigene Schicksal innerhalb dieser gemeinsamen Klammern zu bedenken, das eigene Porträt zu zeichnen.

Barbe Maria Linke:
Wege, die wir gingen.
Zwölf Frauen aus Ost- und Westdeutschland geben Auskunft.
Geest-Verlag 2015,
550 Seiten, 16,80 Euro.
ISBN 978-3-866-85513-7