Die Welt der neuseeländischen Maori ist an diesem Januarnachmittag nur einen Anruf weit entfernt: Punkt 16 Uhr wählen sich 30 Kulturfans aus ganz Deutschland im Telefonraum „Bei Anruf Kultur“ ein. Sie erwartet eine telefonische Führung durch die Sonderausstellung „He Toi Ora – Beseelte Kunst der Maori“ im Münchner Museum „Fünf Kontinente“. Das Museum ist das erste Mal im Programm der Hamburger Initiative, und auch für Kuratorin Hilke Thode-Arora ist es eine Premiere: „Eine Führung für Menschen mit Seheinschränkung per Telefon hatte ich noch nie.“
Umso akribischer hat sich die 65-Jährige vorbereitet: Bei einer Schulung von „Bei Anruf Kultur“ hat sie sich Tipps geholt – etwa, wie man von optischen Eindrücken so erzählt, dass vor dem inneren Auge der Zuhörenden die passenden Bilder entstehen.
Inklusion im Museum: Wie Kultur für alle erlebbar wird
Für ihre Gäste lässt sie nun erst mal den Prachtboulevard der Münchner Maximilianstraße lebendig werden, an dem das Museum mit seiner Skulpturenfassade liegt, gesäumt von Kastanien und Rosenbeeten. In der Maori-Ausstellung sorgt die Ozeanien-Expertin dann für noch viel mehr Bilder in den Köpfen: In den Gedanken der Zuhörer tauchen reich verzierte Keulen aus Stein auf, mit einer Trageschnur „wie bei einem Taschenregenschirm“, kunstvolle Schmuckschatullen aus Holz nehmen Gestalt an, „geformt wie ein Bootskorpus mit Deckel, über und über mit geschnitzten Kerben und Spiralen bedeckt“. Hörbeispiele von Maori-Gesängen und Naturgeräuschen runden das Ausstellungs-Erlebnis per Telefon ab.

Ins Leben gerufen wurde „Bei Anruf Kultur“ während der Covid-Pandemie, Initiator war Matthias Knigge von der Inklusionsagentur „grauwert“ zusammen mit dem Hamburger Blinden- und Sehbehindertenverein. Dass das Format auch nach der Pandemie ein Dauerbrenner bleibt, überrascht ihn nicht: „Wir erreichen mit dem altmodischen Medium Telefon alle, egal ob sie noch Wählscheibe haben oder ein neues iPhone.“ Außerdem sei die Technik zutiefst inklusiv: „Am Telefon sind alle gleich“, sagt Knigge – egal ob sie blind sind oder gehbehindert seien, Angst vor Menschenmengen oder Ansteckung hätten oder einfach nicht vor Ort wohnten.
Das Format sei keine Speziallösung für Minderheiten, sondern richte sich schlicht an kunstbegeisterte Menschen. Wichtig für das Telefon-Publikum seien: kurze Sätze, nicht zu viele Fachwörter, Beschreibung von Sinneseindrücken und alltagsnahe Vergleiche. Wie lang ein Unterarm ist, ist eben anschaulicher als die zugehörige Zentimeterangabe.
Inklusion erleben: „Bei Anruf Kultur“ verbindet Menschen digital
Mittlerweile beteiligen sich Museen in allen 16 Bundesländern, auch Gedenkstätten, Landschaftsgärten, Stadtrundgänge und Kirchen sind im Programm. Ganz im Süden waren die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen in München die ersten, weitere zehn Kultureinrichtungen zwischen Konstanz am Bodensee und Amberg in der Oberpfalz sind seither dazugestoßen. Jetzt gehe es darum, das Angebot insgesamt zu sichern, sagt Projektleiterin Melanie Wölwer. Denn Ende 2026 endet eine dreijährige Förderung der Soziallotterie „Aktion Mensch“, bis Herbst 2026 muss die künftige Finanzierung für zwei Vollzeitstellen und die technischen Kosten stehen. 150.000 Euro seien nötig, um „Bei Anruf Kultur“ mit fünf bis sieben Führungen pro Woche weiterzuführen.
Ein Aus mag sich Jochen Meister, Leiter der Abteilung Kunstvermittlung der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen, gar nicht vorstellen. Zwar biete man in den Pinakotheken und Sammlungen mit Führungen für Hör- und Sehbehinderte bereits inklusive Formate an. Doch die Telefonvariante habe eben ein ganz besonders Plus: „Wir erreichen damit Menschen im ganzen deutschsprachigen Raum“, sagt Meister. Außerdem gehe mit zunehmendem Alter oft Sehbehinderung und schwindende Mobilität einher: Beide Barrieren seien beim Kulturtelefon aufgehoben. „Es wäre ein großer Verlust, wenn es das Angebot nicht mehr gäbe“, findet der Fachmann.

Im Museum „Fünf Kontinente“ geht derweil der Ausflug in die Südsee zu Ende. „Ich könnte noch eine Stunde lang zuhören“, schwärmt eine Frau in der Schlussrunde, als die Mikros aller Zuhörer ein zweites Mal für Fragen zugeschaltet werden. Eine andere zeigt sich mit Blick auf die Erschließung der Maori-Kunst fasziniert „vom Spagat zwischen uralter Tradition und moderner Wissenschaft“. Und Kuratorin Hilke Thode-Arora ist hörbar erleichtert über die erfolgreiche Premiere.
Warum Inklusion in Kulturhäusern Zukunft hat
„Ich war vorher in Sorge, ich könnte als Sehende die Objekte vielleicht nicht so gut beschreiben, dass sie vorstellbar werden“, sagt die stellvertretende Direktorin des Museums „Fünf Kontinente“. Während der Führung sei es auch ungewohnt gewesen, keine nonverbalen Rückmeldungen wie ein Nicken oder aufmerksame Gesichter zu bekommen. Umso mehr habe sie sich über die positiven Stimmen gefreut, sagt Thode-Arora: „Das machen wir auf jeden Fall wieder.“
