Kirchen erhalten. Aber wie?

Wie umgehen mit Kirchen, die nicht mehr gebraucht und finanziert ­werden können? Das ist eine Frage, die für Kirchengemeinden immer dringender wird. Ein Kommentar.

Die St.-Johannis-Kirche in Magdeburg ist ein ehemaliges Kirchengebäude,  die bis zu ihrer Profanierung dem Evangelisten Johannes geweiht war. Seit 1999 wird sie als Festsaal und Konzerthalle der Stadt Magdeburg genutzt.
Die St.-Johannis-Kirche in Magdeburg ist ein ehemaliges Kirchengebäude, die bis zu ihrer Profanierung dem Evangelisten Johannes geweiht war. Seit 1999 wird sie als Festsaal und Konzerthalle der Stadt Magdeburg genutzt.Wikipedia, CC BY-SY 4.0, Hoger

Der Erhalt der kirchlichen Gebäude stellt für alle Kirchengemeinden ­eine große Herausforderung dar. Gründe dafür sind die sinkenden Mitgliederzahlen und damit geringeren Einnahmen bei steigenden Kosten und der dringend erforderliche Umbau der kirchlichen Gebäude zur Klimaneutralität. Zudem waren die Kirchen über Jahrhunderte Träger der Baukultur. Kirchliches Bauen war beispielgebend. So sind viele herausragende Baudenkmäler im Besitz der Kirchengemeinden. Eigentümer sind verantwortlich dafür, diese Kultur weiter zu pflegen und die bedeutenden Gebäude und Ausstattungen zu erhalten.

In diesen Zeiten ist dies keine Selbstverständlichkeit mehr. Ganz im Gegenteil: Viele Kirchengemeinden sind an die Grenze des personell und finanziell Machbaren ­gekommen. Bevor also schnell ­Beschlüsse gefasst werden, braucht es ein zukunftsfähiges Konzept.

Das wird im Fachjargon Gebäude­bedarfsplanung genannt und soll möglichst über alle kirchlichen Gebäude gemacht werden. Grundlage für die Erstellung des Konzeptes sind Antworten auf folgende Fragen: Welche Standorte mit welchem Profil werden perspektivisch für die Gemeindearbeit bei sinkenden Gemeindegliederzahlen be­nötigt? Welche und wie viele Stand­orte können nachhaltig bei sinkenden Einnahmen und höheren Kosten bewirtschaftet werden?

Die Antworten sind naturgemäß schwierig und fallen je nach Kirchengemeinde unterschiedlich aus. Hieraus kann sich ergeben, dass die bedarfsgerechte Reduzierung des Gebäudebestandes nötig ist, um die Nutzung auf wichtige Standorte zu konzentrieren. Auch Kooperationen bei der Nutzung von kirchlichen und kommunalen Trägern wie die Diakonie oder mit Kommune und Vereinen sind dabei denkbar. Sie erhöhen häufig auch die Möglichkeiten Fördermittel zu akquirieren, ohne die das kirchliche Bauen nicht vorstellbar ist. Kirchengebäude zur Mitnutzung durch Dritte zu öffnen, kann den Erhalt und Betrieb in der Zukunft sicherstellen.

Es kann aber auch dazu führen, dass es sinnvoll ist, nicht mehr ­benötigte Liegenschaften zu ­ver- mieten, zu verpachten oder auch im Erbbaurecht mit Nutzungsvereinbarung abzugeben. Dies ist natürlich für Pfarrhäuser und Gemeindezentren deutlich einfacher als für Kirchen. Denn Optionen für eine Nachnutzungsoptionen mit den dafür erforderlichen Umbauten für Dritte sind hier sehr viel wirtschaftlicher und damit erschwinglich. Für Kirchen und Kapellen stellt sich die Situation schwieriger dar.

Fast alle Bauämter der Gliedkirchen der EKD, viele Kirchengemeinden und Kirchenkreise beschäftigen sich mit dieser immer dringender werdenden Fragestellung. Denn die Kirchengebäude sind Seelen, Gedächtnis und Gewissen unserer Dörfer und Städte. Hier muss man behutsam und gewissenhaft vorgehen, denn es geht ja vordergründig nicht nur um den Erhalt der Gebäude, sondern insbesondere darum, diese mit Leben zu erfüllen. Sollte dies im Einzelfall nicht möglich sein, muss die Möglichkeit einer „Stilllegung“ auf eine bessere Zukunft hin sorg­fältig erwogen werden.

Anregungen zur Nutzung von Kirchengebäuden liegen schon vielfältig vor durch bereits gelungene realisierte Projekte. Aber auch durch wissenschaftliche Studien wie „500 Kirchen – 500 Ideen“, ein innovatives Projekt der Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands (EKM) mit der internationalen Bau­ausstellung (IBA) in Thüringen.

Diese Herausforderung kann man als Hypothek betrachten, man kann sie aber auch als Chance ­sehen. Kirchengebäude sind Orte, die die Öffentlichkeit mit der Kirche als ­Institution in Verbindung bringen. Sie sind Orte, die für die Gesellschaft mehr denn je notwendig sind – und zwar sowohl als Kulturdenkmale als größte Versammlungsorte in kleineren Gemeinden, als auch als Anker für die lokale Identität. Ein überzeugender Umgang mit diesen Orten bietet die Chance, ­Kirche zu öffnen und gemeinsam mit Partner:innen „vor Ort“ neue Visionen und Nutzungskonzepte für ein lebenswertes Miteinander zu entwickeln.

Frank Röger ist Leiter des Kirchlichen Bauamtes der EKBO und Architekt.