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Kirche sucht Gespräch mit Missbrauchs-Betroffenen

Mit einem Treffpunkt für Missbrauchs-Opfer versucht der niedersächsische Kirchenkreis Ronnenberg Vertrauen aufzubauen. Doch bisher war kein Betroffener dort.

Seit Sommer einmal im Monat für zwei Stunden geöffnet: der Betroffenen-Treff in Wennigsen.
Seit Sommer einmal im Monat für zwei Stunden geöffnet: der Betroffenen-Treff in Wennigsen.Sabine Freitag

Es war an einem Freitagnachmittag, als Heinz Schmidt (Name geändert) sein Leben wieder vom Kopf auf die Füße gestellt hat. „Es sprudelte nur so aus mir heraus“, sagt Schmidt über das Telefonat mit einer Mitarbeiterin der Fachstelle Sexualisierte Gewalt der Landeskirche Hannovers. Rund 40 Jahre hatte er den gewalttätigen Übergriff eines Geistlichen verdrängt, den er als 17-jähriger Jugendlicher in einer Einrichtung des Kirchenkreises Ronnenberg erleben musste. „Nach dem Gespräch habe ich mich sehr gut gefühlt.“

Zum ersten Mal war Schmidt mit seiner Überzeugung nicht allein, dass ihm schweres Unrecht widerfahren sei. „Sie sagte, dass ich sexualisierte Gewalt erlebt hatte. Da war meine bisherige Ambivalenz raus.“ Zwei Jahre ist das her.

Schmidt begann, das Erlebte nicht mehr zu unterdrücken, sondern zu reflektieren. Das Erleben von Freundschaft, der Umgang mit Macht, alles in seinem Leben sei über die „Matrix“ dieses lange zurückliegenden Erlebnisses gelaufen. „Es musste alles auf den Prüfstand.“ Schmidt, der heute im pädagogischen Bereich verantwortlich tätig ist und in Tübingen lebt, machte eine von der Landeskirche finanzierte Reha und wandte sich schließlich an die heute Verantwortlichen jener Einrichtung. „Es war heilsam, es an den Ort zurückzubringen, wo es herkommt.“

Betroffenen-Treff ist ein wichtiges Signal

In der persönlichen Aufarbeitung wurde Schmidt klar, dass es im Kirchenkreis Ronnenberg Orte geben sollte, in denen Betroffene sich treffen und ihre Geschichte erzählen können. „Eine Art Café könnte ihnen dabei helfen, aus dem Schatten zu treten“, ist er überzeugt. Der Kirchenkreis könne den Betroffenen signalisieren, dass er Vertrauen zurückgewinnen wolle.

Ein Arbeitskreis, der sich aus der Fachstelle Sexualisierte Gewalt der Landeskirche Hannovers, dem Kirchenkreis Ronnenberg und der Pressestelle der Landeskirche zusammensetzt, hat die Idee von Schmidt umgesetzt. Seit Juni 2025 hat der Betroffenen-Treff, den eine externe Beraterin leitet, einmal im Monat für zwei Stunden geöffnet. „Wir haben seitdem viel Werbung in Gottesdiensten, auf Plakaten und Instagram gemacht“, betont Sabine Freitag, Pressesprecherin des Kirchenkreises und Mitglied des Arbeitskreises. „Einmal war ein Gast da“, berichtet sie. Doch es sei kein Betroffener gewesen.

Heinz Schmidt ist davon nicht überrascht. „Den Menschen wurde Gewalt angetan.“ Und nur weil die Kirche zweimal „Bitte“ sage, seien sie nicht bereit, sofort zu springen. Doch seiner Meinung nach ist der Treff auch ohne Besucher ein wichtiges Angebot, das langfristig erhalten bleiben sollte. „Irgendwann machen die Betroffenen den Schritt ins Café.“ Angebote wie diese brauche die Kirche für einen grundlegenden Kulturwandel im Umgang mit sexualisierter Gewalt.