Sehenswerte Doku über die Tagebücher von Astrid Lindgren, in denen die später weltberühmte Kinderbuchautorin während des Zweiten Weltkriegs ihre Erfahrungen und Ängste festhielt.
“Wenn man glücklich werden will, muss es aus dem eigenen Innern kommen, und nicht von einem anderen Menschen.” Als Astrid Lindgren das in ihre Tagebücher schrieb, war der Zweite Weltkrieg schon fast zu Ende, auch wenn sie das noch nicht wusste.
Doch obwohl sie in Schweden vom Krieg weitgehend verschont blieb, hatte sie in den Jahren seit 1939 einiges durchgemacht. Ihre Aufzeichnungen aus dieser Zeit, den Jahren vor ihrem Erfolg als Autorin – die erste Ausgabe von “Pippi Langstrumpf” erschien im November 1945 – lagen viele Jahrzehnte in ihrem Wäscheschrank und wurden erst 2015 veröffentlicht.
Wilfried Hauke hat aus diesen Tagebüchern einen Dokumentarfilm gemacht. Dabei arbeitet er sich chronologisch an den Aufzeichnungen entlang, um gemeinsam mit Lindgrens Tochter Karin Nyman, ihrer Enkelin Annika Lindgren und dem Urenkel Johan Palmberg an die Autorin zu erinnern.
Orte und Momente werden aufgerufen, ihre Herausforderungen und Kämpfe in Bilder und Gespräche gebracht. Lindgrens Erinnerungen spricht die Schauspielerin Sofia Pekkari ein, welche die Schriftstellerin auch in kleinen Spielszenen darstellt.
Die verschiedenen Materialien wechseln sich ab, wobei Hauke einen schönen Rhythmus findet: Spielszenen, historische Filmaufnahmen (meist mit kurzer Einblendung des Kontextes), Gespräche mit Nyman, Lindgren und Palmberg. Die Tagebucheinträge, oft nur wenige Sätze, zwischen denen längere Pausen oder Monate liegen können, setzen Themen und Zeitpunkte; sie tragen den Film chronologisch, biografisch und inhaltlich voran.
Das ist formal nicht besonders aufregend, aber Hauke will das dokumentarische Format nicht neu erfinden, sondern eine Handvoll Themen aufnehmen, aus dem Leben von Astrid Lindgren erzählen, sich ihren persönlichen Ansichten und ihrem Leben zu Kriegszeiten widmen und sich vor allem dem annähern, weshalb man sie kennt und sich an sie erinnert: als Autorin.
Tochter Karin war in diesen Zeiten oft krank; am Mangel lag es nicht, das erfährt man aus dem Tagebuch, in dem Lindgren immer wieder berichtet, wie gut es ihnen doch gehe, im Gegensatz zu den Menschen anderswo, in Frankreich zum Beispiel, oder den armen Soldaten vor Stalingrad.
Aber die Jahre sind nicht einfach. 1944 will Ehemann Sture sich sogar scheiden lassen, und Karin verlangt im Bett nach Geschichten. So entsteht “Pippi Langstrumpf”, als Erzählung fürs eigene Kind, im Original wohl noch wilder als später im Buch.
Vorher dominiert in den Tagebüchern das Leben im Krieg, wenn auch weit von ihm entfernt. Lindgren – “noch keine Autorin, aber eine schreibende Frau”, urteilt ihre Enkeltochter – hat Zeitungsartikel eingeklebt; sie deutet aber nur an, was sie in ihrer Arbeit herauslesen kann. Denn sie verdient Geld in der Postzensur; unter großer Geheimhaltung liest sie Briefe von und an Soldaten, aus dem Ausland und dorthin gerichtet, und schwärzt alle Stellen, die Orte und Geschehnisse verraten könnten. Einen “Drecksjob” nennt sie das, wohl weniger, weil die Briefe zuweilen sehr anzüglich und explizit sind, sondern weil es ihr widerstrebt, private Korrespondenz zu lesen.
Vor allem aber treibt es sie um, welche furchtbaren Dinge geschehen. “Wie müssen sie leiden, die armen Mütter auf diesem wahnsinnigen Planeten?” Was würde mit ihrem eigenen Sohn geschehen, wenn Schweden aktive Kriegspartei würde? Sie verabscheut die Nazis und ist fassungslos: “Diese Tat hat ein Volk begangen, das “Stille Nacht” geschaffen hat.”
Die Sowjetunion allerdings macht ihr nicht weniger Sorgen – nach dem Überfall auf Finnland sehr nachvollziehbar, und als zum Kriegsende die Sowjetunion Bornholm besetzt, die dänische Insel vor der Küste Schwedens, macht sie sich Sorgen, dass Stalin die ganze Ostsee kontrollieren könnte.
Es ist nicht besonders überraschend, dass Astrid Lindgren ein mitfühlender, politisch denkender Mensch war, der auf seine Familie achtete und sich über Verbrechen, die Menschen einander antun können, entsetzte. Aus dieser Perspektive hat der Film wenig Neues beizutragen. Aber er versammelt die unterschiedlichen Bilder und vor allem Worte für Lindgrens Menschenfreundlichkeit mit einer ruhigen Selbstverständlichkeit, die sich jeder Aufregung entzieht.
Das setzt einen Kontrapunkt zu aufgeregten Zeiten, damals wie heute, in denen womöglich ein wenig untergehen könnte, was wichtig ist. “Astrid Lindgren – Die Menschheit hat den Verstand verloren” stellt die ruhige Haltung dieser beeindruckenden Person dagegen: Vernunft, Gelassenheit, Empathie.
Lindgren gehören die letzten Bilder des Films: Die zeigen sie, schon etwas älter, in einem Park. Wir sollten alle mehr spazieren gehen.