Einsichten – die christliche Kolumne

Keine vergeudete Zeit

Über das Beten schreibt Roland Springborn. Er ist Pastor im Ruhestand in Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern).

Der Predigttext des folgenden Sonntags lautet: „Vater unser im Himmel“ aus Matthäus 6, 5-15

Not lehrt beten, so sagt es das Sprichwort. Manche meinen zwar: Not lehrt auch fluchen.

Mag sein. Aber wenn ich in Not gerate, wenn ich Menschen in Not erlebe, dann doch eher beim Beten. Für manche, vielleicht sogar für viele ist jetzt eine Zeit der Not, welcher Art auch immer. Die Medien berichten stündlich und täglich ausführlich darüber. Das muss ich hier nicht auch noch alles wiederholen. Ich möchte mehr in der Bibel sein als in der Zeitung.

Und dann beten? Ja! Beten ist die Sprache für die unbekannte, groß­artige, furchtbare, erschütternd schöne Wirklichkeit des Lebens. Wenn wir beten „Vater unser im Himmel“, dann ziehen wir Gott ins Vertrauen. Wir sagen Gott, was uns glücklich und dankbar macht, was uns kaputt macht und was sich ändern muss.

Manchmal fehlen uns die Worte vor so viel Unglück und Elend oder auch vor Staunen über so viel Güte. Dann borgen wir uns oder bergen uns in die Worte anderer, eines Psalmbeters: „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“, eines Liederdichters: „Ich weiß, woran ich glaube; ich weiß, was fest besteht“ oder „Von guten Mächten wunderbar geborgen, erwarten wir getrost, was kommen mag“.

Wenn ich zu Gott „Vater“ sage, dann weiß ich ihn nicht versteckt hinter der Tür, sondern vor der Tür mit den geöffneten Armen der Liebe. Dann heißt das: Schön, dass du da bist. Ich habe schon auf dich gewartet. Dann wird aus dem Ich ein Du. Und wenn andere dazukommen aus dem Ich und Du ein Wir. „Vaterunser.“

Beten ist keine vergeudete Zeit. Martin Luther sagte sich am Morgen eines Tages: Ich habe heute viel zu tun, also muss ich viel beten. Füreinander beten ist miteinander tragen. Die geteilte Not kann zur halben Not und die geteilte Freude zur doppelten Freude werden; mitunter auch zu heiterer Gelassenheit.

Wie bei jenem kleinen Jungen, der von einem erwachsenen Nachbarn gehänselt wurde, als dieser ihn fragte: Na, betest du immer noch zu deinem Gott? Darauf der Kleine: Bist wohl neidisch, was?

Unser Autor
Roland Springborn ist Pastor im Ruhestand in Greifswald (Mecklenburg-Vorpommern).

Zum Predigttext des folgenden Sonntags schreiben an dieser Stelle wechselnde Autoren. Einen neuen Text veröffentlichen wir jeden Mittwoch.

Diese Artikel könnten Sie auch interessieren