Kein Handy, keine Sorgen

Über ihren Aufenthalt in Taizé schreibt Diakonin Angelika Michelly. Sie ist Leiterin der Urlauberseelsorge in Dithmarschen (Schleswig-Holstein).

Der Predigttext des folgenden Sonntags lautet: „Wer verlässt, was er hat, wird es um ein Vielfaches wieder empfangen.“ aus Lukas 18, 28-30
Ein Tourist macht Station in einem Kloster. Freundlich wird er aufgenommen, und man bietet ihm eine Mönchszelle als Schlafquartier an. In der Zelle stehen nur ein Bett und ein Stuhl. In der Tür fragt der Tourist erstaunt: „Und wo sind Ihre Möbel?“  „Wo sind denn Ihre?“, erwidert der Mönch. Verwirrt antwortet der Tourist: „Ich bin ja nur auf der Durchreise.“ Der Bruder lächelt: „Wir auch.“
Ähnliches wie in dieser Anekdote aus „Typisch! Kleine Geschichten für andere Zeiten“ von Andere Zeiten e. V. habe ich selbst bei einem Aufenthalt in Taizé, einer Jugendbegegnungstätte in Frankreich, gemacht. Das Leben in den Zelten war einfach. Der klösterliche Tagesablauf mit Gebeten, Mahlzeiten, Gesprächen und Gemeinschaftsarbeiten vergleichsweise unspektakulär. Doch genau dazwischen entfaltete sich eine ungeahnte Fülle. Frei von den täglichen Aufgaben, Gewohnheiten und Ritualen; frei von den ganzen alltäglichen Dingen, für die ich verantwortlich war oder um die ich mich kümmern musste, war ich offen für die Begegnung mit Gott und mit den Menschen um mich herum. Keine Sorgen um nicht vorhandene Wertsachen. Kein langes Überlegen vor dem viel zu vollen Kleiderschrank. Kein Verschieben von Terminen wegen eines vollen Kalenders. Und vor allem: kein Handypiepen, das mich auf mehr oder weniger wichtige Nachrichten aufmerksam mach­t. Keine Ablenkung.
Ohne Frage: Ich genieße es, dass Handy, Computer, Auto, Fahrrad, Schuhe und jede Menge Klamotten mein Leben angenehm und leichter machen. Dazu die vielen Bücher und all der schöne Nippes auf den Regalen. Aber brauche ich das alles? Ich bin doch auch nur auf der Durchreise! Außerdem verspricht Jesus bereits seinen ersten Jüngern, dass jeder, der verlässt, was er hat, um ihm nachzufolgen, dieses vielfach wieder empfangen wird.
Das heißt doch, dass ich voller Vertrauen loslassen kann, was mich ablenkt von meinem Leben mit Gott. Ich muss nicht darauf verzichten, aber ich darf mich davon befreien. In der Leere meiner Regale kann ich wiederentdecken, dass das Leben mit Gott an sich schon spektakulär ist.
Unsere Autorin:
Diakonin Angelika Michelly
ist Leiterin der Urlauberseelsorge in Dithmarschen (Schleswig-Holstein).
Zum Predigttext des folgenden Sonntags schreiben an dieser Stelle wechselnde Autoren. Einen neuen Text veröffentlichen wir jeden Mittwoch.