Rostocker Kirchengemeinde kocht im

Kartoffelbrei und ganz viel Liebe

Es gibt Kinder in unserem reichen Land, die kein Mittag­essen zu Hause bekommen. Der Verein „Fischkutter“ einer Rostocker Kirchengemeinde lädt deshalb zu warmen Mahlzeiten – seit 25 Jahren.

Ein Holzboot vor dem Pfarrhaus

von Marion Wulf-Nixdorf

Rostock. Nach und nach kommen sie eingetrudelt. Manche müde latschend, vor sich hin träumend, andere laut und rennend. Die Schultaschen werden auf dem Flur der Jugend- und Begegnungsstätte „Fischkutter“ geparkt, und ab geht es nach draußen. Da wartet heute schon Diakon Hannes Triebler, 36. Es ist noch nicht ganz halb zwölf, also noch eine Runde Toben auf dem großzügigen Gelände der Kirchengemeinde im ehemaligen Dorf Toitenwinkel, dem heutigen Stadtteil am nordöstlichen Rand Rostocks. Zu dem Dorf kam ein Plattenbauviertel in der Größe einer Kleinstadt: Rund 14.000 Menschen leben hier.

„Das habe ich schon in der Schule gerochen“, ist sich Noe sicher, „dass es heute Fischstäbchen gibt.“ Aus dem 1997/98 gebauten Haus mit dem Namen „Fischkutter“ kommen gute Gerüche. Mittag­essen. Auf jedem Tisch steht ein Blumenstrauß. Heute gibt es Fischstäbchen, Kartoffelbrei und Möhrensalat. Und Liebe. Wenn nicht Corona ist, dann wird Birgit Eckhardt auch umarmt, es wird geherzt und gedrückt. Sie kocht seit 13 Jahren jeden Wochentag für ihre „besonderen“ Kinder zwischen 6 und 16 Jahren, wie sie sie nennt. Sie kennt sie alle mit Namen. Sie kennt die Stundenpläne der Kinder, weiß, wann sie kommen müssten. Wenn eins fehlt, ruft sie die Eltern an oder auch in der Schule.

Brokkoli? Nein, danke!

Im „Fischkutter“ gibt es nicht nur Mittagessen zwischen 11.30 und 14 Uhr, hier gibt es auch Zuwendung und Liebe. Jedes Kind sei lieb, „verhaltenskreativ“, betont Eckhardt, jedes auf seine Art. Und „sie essen gut, sehr, sehr gut“, betont sie. Eintopf mögen die Kinder und Jugendlichen, Brokkoli nicht. Also gibt es den nicht. Für ein Kind kocht sie glutenfrei, zwei Kinder sind Muslime und essen kein Schweinefleisch. Wenn es das mal gibt, kriegen die beiden etwas anderes. Auch die Mitarbeiter essen hier – einer ist Vegetarier.

Birgit Eckhardt ist vom Verein „Fischkutter“ angestellt, sie kauft jede Woche mit ihrem Mann, der das ehrenamtlich macht, ein. Einmal in der Woche kommt eine Rentnerin, die ihr beim Kartoffelnschälen hilft. Für rund 40 Kinder sind das nicht wenige. Aber oft gibt es auch Nudeln oder Reis oder Kartoffelbrei aus der Tüte, der von ihr aber aufgepeppt wird, sodass er schmeckt wie bei Muttern. Allerdings: Die Mütter dieser Kinder kochen aus verschiedenen Gründen nicht oder sehr selten. So sorgt der Verein dafür, dass die Kinder etwas Warmes und Gesundes in den Bauch kriegen. Fischstäbchen zählen vielleicht nicht unbedingt dazu, dafür aber der Möhrensalat.
Die Kinder waschen sich die Hände, essen mit Messer und Gabel, wischen nach dem Essen den Tisch ab, darauf ist Birgit Eckhardt etwas stolz. Das hat sie ihnen beigebracht. Fürs Leben sozusagen.

Ein Holzboot vor dem Pfarrhaus Foto: Marion Wulf-Nixdorf

Zehn Euro müssen die Eltern im Monat zahlen. Den Rest bringt der Verein auf, unterstützt von der Kirchengemeinde. Ausgerechnet eine Gemeinde, „die mal die ärmste Gemeinde Mecklenburgs gewesen ist“, erzählt Hannes Triebler, der den „Fischkutter“ seit 2019 leitet. Er kennt das Haus aber schon länger, hatte 2009 hier Praktikum gemacht und kam immer wieder. Im „Fischkutter“ gibt es nicht nur Mittag, er ist ein offener Jugendtreff, freitags von 18 Uhr an kommen meist zwischen 20 bis 30 Leute zwischen 13 und 21 Jahren. Der „Fischkutter“ ist der „diakonische Arm der Gemeinde“, sagt die Kirchenälteste und Verbindungsfrau zwischen Kirchengemeinde und Verein, Martina Dassow.

Viel Geld aus Spenden

Mitte der 1990er-Jahre beschlossen Gemeindepädagogin Brigitte Krause, Pastorin Christina Finger und andere, einen Ort zu gründen, an dem (nicht nur) Kinder Mittagessen bekommen, sondern an dem sie sich treffen können. Brigitte Krause arbeitete damals auch als Religionslehrerin und wusste von Kindern, die ohne etwas Warmes im Bauch über den Tag kommen mussten. 1996 kam der Beschluss zur Vereinsgründung. 1998 im März wurde der Grundstein für den Neubau „Fischkutter“ gelegt, in dem auch ein großer Gemeinderaum für Gottesdienste im Winter und andere Veranstaltungen ist. Auf das Dach kam eine Solaranlage. Es sei immer wieder abenteuerlich gewesen, das nötige Geld aufzubringen. Martina Dassow weiß, dass es unglaubliche Aktionen gab, und brachten sie noch so wenig ein – so kam Mark zu Mark, Euro zu Euro.

Birgit Eckhardt und Hannes Triebler sind fest angestellt genauso wie Laura Herter in der Verwaltung und Jana Lechner als Projektmitarbeiterin in Teilzeit. Jedes Jahr kommt ein Bundesfreiwilliger. Der Haushalt beträgt rund 120.000 Euro im Jahr, 90 Prozent kommen aus Spenden. Eine kleine Förderung kommt jedes Jahr von der Stadt, auf die Unterstützung zweier Stiftungen ist der Verein wesentlich angewiesen. Auch gibt es viele Einzelspender – manche geben jeden Monat treu zehn Euro. Die 1000 Mitglieder zählende Kirchengemeinde sei dankbar für diese Arbeit, betont die Kirchenälteste. Es gäbe eine gute Zusammenarbeit zwischen Gemeinde und Verein, auch durch den Gemeindepädagogen Philipp Schnabel, der seit 2015 eine viertel Stelle im „Fischkutter“ hat, den Rest in der Kirchengemeinde.

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