Jesus im Patchwork-Center

Mitten im großen Plattenbaugebiet im Schweriner Südosten gibt es eine Missionsstation einer freikirchlichen Initiative, die mit niedrigschwelligen Angeboten im Stadtteil präsent ist. Ein Besuch.

Schwerin-Mueßer Holz. Schwerin gilt als die Stadt in Deutschland, in der die unterschiedlichen Sozialschichten am auffälligsten voneinander getrennt wohnen. Vor allem die großen Plattenbaugebiete im Südosten und, weniger auffällig, im Nordwesten haben Gegenden, die als soziale Brennpunkte gelten – mit hohem Migrantenanteil und großer Kinderarmut. Viel Arbeit also für Wohlfahrtsverbände und Kirchengemeinden.

So hat sich die Petrusgemeinde mit ihrem Gemeindezentrum im Stadtteil Mueßer Holz in den vergangenen Jahrzehnten zu einem Ort entwickelt, an dem etliche sozial­diakonische Aktivitäten zu Hause sind. Hier sind beispielsweise die „Schweriner Tafel“ ebenso präsent wie das „Wüstenschiff“ als Anlaufstelle für Jugendliche. Trotzdem gibt es noch genug weiteren Bedarf. Und so hat nur wenige hundert Meter vom Petrus-Gemeindezentrum entfernt gleich neben dem Bürgerzentrum Campus am Turm eine weitere christlich motivierte Hilfsstation etabliert – das Patchwork-Center.

Aus den Niederlanden nach Schwerin

Außerhalb des Plattenbaugebiets ist es kaum bekannt, dass vor zehn Jahren der Missionar einer niederländischen Freikirche nach Schwerin kam, um hier ein Station aufzubauen. Der Ansatz: mit den Menschen in benachteiligten Stadtvierteln zusammenleben, besonders den Langzeitarbeitslosen einen Ort für sinnvolle Beschäftigungen anzubieten und darüber mit ihnen auch über die großen Fragen des Lebens und des Glaubens ins Gespräch zu kommen.

Im Patchwork-Center wird den Menschen geholfen Foto: Tilman Baier
Im Patchwork-Center wird den Menschen geholfen Foto: Tilman Baier

Bei der Suche nach einem geeigneten Ort dafür habe, so erzählt Pastor Jens-Peter Drewes, die Petrusgemeinde geholfen. Im April 2018 konnte dann das Patchwork-Center öffnen.

Café mit Mittagstisch

Dort gibt es ein Café mit einem Mittagstisch der von freiwilligen Helferinnen mit vorbereitet wird – für einen geringen Preis. Es hat dienstags bis freitags von 9 bis 14 Uhr geöffnet. Hausaufgabenhilfe wird angeboten. Es gibt die „Kepler Open Air Band“, die jeden Freitagnachmittag probt. Ebenso dazu gehören eine Textilwerkstatt und eine Werkstatt, in der Fahrräder und Möbel aufgearbeitet werden können. Mitmachen kann jeder, betont Sebastian Braun, seit 2019 Leiter dieser Einrichtung, die vom Verein „PlattenPraise e.V.“ getragen wird. „Wir wollen durch solche sinnvollen Beschäftigungsangebote das Selbstwertgefühl der Menschen hier stärken“, erklärt er. So sei es für manche ein Ansporn, wenn sie sich für die Arbeit bei der Vorbereitung der Mittagsessen gemeldet haben, auch wirklich zu kommen, wenn sie wissen, dass ohne ihre Arbeit es eben im Café nicht zu essen geben wird, erzählt der 35-Jährige ehemalige Krankenpfleger und heutige missionarische Sozialarbeiter.

Immer mittwochs bietet er auch einen niedrigschwelligen Gottesdienst im Spielzimmer des Centers an als Familienfest gefeiert. manchmal kommen dazu bis zu 80 Besucher. „Gottesdienst wird dies aber nicht genannt“, erzählt er – die Interessenten für ein solches Angebot waren dagegen. Stattdessen hätten sie zu seinem Erstaunen den Namen „Bibelstunde“ gewählt, der habe ihnen neutraler geklungen. Doch er gibt auch zu: Ohne die anderen Angebote im Patchwork Center würde sich hier „für die Bibel und Gott kein Mensch interessieren.“

Noch nie von Jesus gehört

Er, seine Frau Fabiana, eine Missionarin aus Brasilien, und ihre Kinder leben auch im Plattenbaugebiet – das gehört zum Programm. Doch Braun und seine Familie, den die Hilfs- und Missionswerks DMG Interpersonal mit Sitz im nordbadischen Sinsheim nach Schwerin entsandt hat, brauchen es auch, wenigstens einmal die Woche aus diesem Milieu herauszukommen, um aufzutanken. „Wir suchen dann neue Kraft in der Freien evangelischen Gemeinde“ (FeS), die ihre Gottesdienst im ehemaligen Tanzcafé Resi am Markt feiert und ihr Gemeindehaus am Schlossgarten hat.

Schwerin sei nicht nur eine wunderschöne Stadt, meint er. Sie fordere auch mit ihren sozialen Problemen diejenigen heraus, die versuchen, hier als Christ zu leben. „Du erlebst hier Gott sehr stark, weil du ihn einfach brauchst.“ Erstaunt hat ihn, wie viele Menschen hier noch nie etwas von Jesus Christus gehört haben. „Bei unseren missionarischen Straßeneinsätzen stoße ich dagegen auf Menschen, die an die germanischen Gottheiten Thor oder Odin glauben.“ Doch diese Leute begegneten Christen durchaus mit Interesse. Seitdem die Eheleute in die Arbeit eingestiegen sind, wären sogar jedes Jahr zwischen drei und fünf der regelmäßigen Besucher Christen geworden.

So wie alle Gemeinden und christlichen Initiativen sucht auch das Patchwork-Center nach Unterstützern. Besonders lädt er Christen ein, einfach mal in der Woche vorbeizuschauen und mitzuarbeiten. (mit idea)