Indigene in den USA wollen zu ihrem Recht kommen – nach 200 Jahren

Der fast 200 Jahre alte „Vertrag von New Echota“ sieht vor, dass die Cherokee einen Delegierten zum US-Repräsentantenhaus ernennen dürfen. Das soll nun endlich Realität werden.

Der Schauspieler Wes Studi zählt zu den bekanntesten Gesichtern der Cherokee
Der Schauspieler Wes Studi zählt zu den bekanntesten Gesichtern der Cherokeeimago images/Cinema Publishers C

Washington. Die US-Regierung habe eine „traurige Geschichte, Stämmen Versprechen zu machen und diese dann zu brechen“, erklärte der republikanische Kongressabgeordnete Tom Cole im November. Cole sprach bei der Sitzung eines Ausschusses im Repräsentantenhaus, der sich mit einer Vorlage befasste, wonach das indigene Volk der Cherokee einen Delegierten für den US-Kongress ernennen darf.

Dieses Recht steht ihnen laut dem Vertrag von New Echota von 1835 zu. Eingelöst wurde dieses Versprechen nach Darstellung der Cherokee nie. Der republikanische Abgeordnete Cole ist selbst einer der wenigen Indigenen im US-Kongress, er gehört den Chickasaw an.

Noch im Dezember unter Dach und Fach?

Im Januar wechselt die Führung im Repräsentantenhaus von den Demokraten zu den Republikanern. Manche demokratischen Abgeordneten wollen die Delegiertensache bis dahin unter Dach und Fach bringen. Das wäre ein „historischer Sieg für vertraglich festgelegte Rechte und die Souveränität aller indianischer Stämme“, erklärte der leitende Häuptling (principal chief) der Cherokee-Nation, Chuck Hoskin.

Hoskin betonte, der Vertrag von New Echota sei noch heute gültig, und die Bestimmung sei klar, dass die Cherokee „einen Delegierten zum Repräsentantenhaus bekommen“. Die Cherokee Nation hat die Rechtsanwältin Kimberly Teehee zur Delegierten nominiert, ehemals Mitarbeiterin in der Regierung Barack Obamas.

Befugnisse begrenzt

Teehees Befugnisse wären begrenzt. Wie die Delegierten der Territorien Guam, der Amerikanischen Jungferninseln, Puerto Rico, Amerikanisch-Samoa und der Nördlichen Marianen sowie der US-Hauptstadt Washington dürfte Teehee nicht an Plenarabstimmungen teilnehmen. Sie hätte eine Stimme in Ausschüssen, das Rederecht bei Sitzungen und sie dürfte Gesetzesvorlagen einbringen. Es gebe im Kongress „wenig organisierte Opposition“ gegen das Vorhaben, berichtete der Sender ABC News Ende November.

Laut US-Bundesamt für Statistik leben zwischen 4,4 und 7,2 Millionen Indigene in den USA. Mit genauen Zahlen ist es schwierig. Die mehr als 570 Völker definieren Zugehörigkeit unterschiedlich. Die Cherokee sind die größte indigene Nation mit mehr als 400.000 registrierten Mitgliedern. Diese müssen einen Vorfahren nachweisen, der von 1898 bis 1906 als Cherokee geführt worden ist. Hauptstadt der Cherokee ist Tahlequah in Oklahoma.

Biden: „Schmerzhafte Geschichte“

US-Präsident Joe Biden sprach in seiner Erklärung zum „Native American Heritage“-Monat im November von einer „schmerzhaften Geschichte“ der USA und der Indigenen mit „gebrochenen Verträgen“ und Maßnahmen, um die „Ureinwohner-Bevölkerungen zu dezimieren“. Dennoch hätten Indigene außerordentliche Beiträge zum Fortschritt der USA geleistet. Er lege Wert auf Zusammenarbeit mit der Führung der Stämme, sagte Biden. Innenministerin Deb Haaland sei das erste indigene Kabinettsmitglied der USA, sie gehört zum Volk der Laguna.

Für die Cherokee war der in New Echota im US-Bundesstaat Georgia unterzeichnete Vertrag Teil einer nationalen Katastrophe. 1830 hatte die US-Regierung den „Indian Removal Act“ beschlossen, das „Gesetz zur Entfernung der Indianer“. Im folgenden Jahrzehnt wurden zehntausende Angehörige der Cherokee, Creek, Seminole, Chickasaw und Choctaw gewaltsam aus ihrer Heimat im Südosten USA weiter westlich deportiert. Ihr Besitz, oft kultiviertes Ackerland, ging an die Weißen.

Manche Cherokee widersetzten sich, andere setzten auf Kooperation, wie beim Vertrag von New Echota, der den Cherokee Land im heutigen Oklahoma versprach. Laut der Geschichtsschreibung der Cherokee wurden Ende der 1830er Jahre etwa 16.000 Cherokee unter entsetzlichen Bedingungen auf einen Treck nach Westen gezwungen. Etwa 4.000 seien auf dem „Pfad der Tränen“ verhungert, erfroren oder an Krankheiten gestorben. (epd)