In der Schneiderei der Jugendwerkstatt in Regensburg sitzen junge Frauen an einer Näharbeit. Der Raum in dem historischen Gebäude in der Glockengasse wirkt wie ein kuscheliges Atelier. Farbige Stoffballen füllen die Regalwände, eine Nähmaschine rattert. Mirjam, eine 19-jährige Auszubildende, hat eine Stoffhose fertiggestellt. Das Ergebnis präsentiert sie am eigenen Körper: eleganter Schnitt, Stoff aus grünen und schwarzen Karos, zwei goldfarbene Knöpfe – das könnte auch aus einem Designerladen stammen.
„Miri hat ihre Kreativität entdeckt“, sagt Schneidermeisterin Martina Bauer anerkennend. Es ist bereits die zweite Hose, die die junge Auszubildende selbst entworfen und geschneidert hat. Als sie vor vier Monaten in die Jugendwerkstatt kam, war nicht sicher, ob die junge Frau es schaffen würde.
„Ich habe ADHS, Probleme mit Prokrastination. Sobald ich ein bisschen mit Druck konfrontiert werde, geht gar nichts mehr“, analysiert Miri ihre Schwierigkeiten, Aufgaben zu Ende zu bringen. Nach dem Fachabitur sei sie regelrecht in ein Loch gefallen und habe nicht gewusst, wie es weitergehen soll. „Sobald es schwierig wurde, habe ich abgebrochen“, berichtet sie. Dann wurde sie auf die Jugendwerkstatt aufmerksam und bewarb sich um eine Ausbildung als Änderungsschneiderin.
Das Team aus Ausbildern, Sozialpädagogen und Lehrkräften ist auf solche Problemlagen eingestellt und hilft benachteiligten jungen Erwachsenen zwischen 18 und 27 Jahren durch schwere Phasen. Das sind alleinerziehende Mütter, junge Menschen, die Ausbildungen abgebrochen haben oder erst kürzlich zugewandert sind oder Einschränkungen im körperlichen, kognitiven oder psychischen Bereich haben.
In einem klassischen Ausbildungsbetrieb hätte Miris Verhalten wahrscheinlich zu einer Kündigung geführt. „Jetzt zeigt sich, dass sie in der praktischen Arbeit total aufgeht“, sagt die Sozialpädagogin Jessica Serve. Früher habe sie ihre Sachen liegen lassen, die ihr nicht auf Anhieb gelangen. „Jetzt arbeitet sie an ihrer Frustrationstoleranz und sieht, dass es sich lohnt, sich anzustrengen und eine Sache bis zum Ende durchzuziehen.“
In Bayern bieten 14 evangelische Einrichtungen der Berufsbezogenenen Jugendhilfe etwa 500 jungen Menschen, die sonst keine Chance auf dem Jobmarkt haben, eine Ausbildungsstelle an, sagt Barbara Klamt, die Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft Jugendsozialarbeit. Das Konzept gibt es seit 1975, inzwischen seit 50 Jahren. Mehrere tausend Schicksale junger Menschen konnten so in gute Bahnen gelenkt werden.
„Neben dem fachlichen Lernen geht es darum, die jungen Menschen persönlich zu stärken, damit sie stabil durchs Leben gehen können, selbstbewusst werden und ihren Platz in der Gesellschaft finden“, sagt Lukas Meinberg, einer der beiden Geschäftsführer in Regensburg. Die Prüfung bestehen ihm zufolge 100 Prozent. Das liege zum einen daran, dass die jungen Leute motiviert sind, „weil es meist ihre zweite, dritte oder letzte Chance ist“. Zum anderen verhelfe auch die Zusammenarbeit mit den Anleiterinnen, Sozialpädagoginnen und Lehrkräften zu diesem positiven Ergebnis.
Die Jugendwerkstatt in Regensburg bildet in den Gewerken Schreinerei, Büroverwaltung, Hauswirtschaft und Schneiderei aus. Darüber hinaus gibt es Bildungsangebote und Exkursionen. Auch das Sozialverhalten werde beim gemeinschaftlichen Kochen oder Frühstücken trainiert, sagt Meinberg. „Wir gehen auf Steine ein, die im Weg liegen, und räumen sie gemeinsam weg. Das ist anstrengend, aber es rentiert sich.“
Manchmal seien die Fähigkeiten der jungen Menschen nur unter einer Schicht von Misserfolgen, schlechten Erfahrungen und Ängsten verborgen, erläutert der Vorsitzende der Jugendwerkstatt Regensburg, Wolfgang Lahoda: „Als hätte die Welt ihnen die Tür vor der Nase zugeschlagen.“ Diese verschütteten Schätze zu heben, sei Aufgabe der berufsbezogenen Jugendhilfe. Sie wird vom Sozialministerium getragen und mit Mitteln der bayerischen Landeskirche, des kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt und auch von Kommunen und Landkreisen gefördert.
In den Jugendwerkstätten öffne sich eine neue Tür, sagt Lahoda. Auch Miri hat schon den nächsten Schritt im Blick. Sie möchte, wenn es so positiv weitergehe, ihren Abschluss als Maßschneiderin machen. „Die Ausbildung tut mir unfassbar gut“, sagt sie voller Zuversicht. (4069/30.12.2025)