Im Schneckentempo

Drei Monate Auszeit und 650 Kilometer Pilgertour in Schweden: Unsere Autorin Anke von Legat hat einiges erlebt – und sich nach sieben Schlüsselworten gerichtet.

Einfaches Leben: Mehr als das, was sie auf dem Rücken trägt, hat Anke von Legat nicht dabei.
Einfaches Leben: Mehr als das, was sie auf dem Rücken trägt, hat Anke von Legat nicht dabei.Anke von Legat

Von „Langsamkeit“ bis „Teilen“ – schwedische Pilgernde richten sich gern nach sieben Schlüsselworten, die auch für ein neues Jahr Anregungen bieten. Daran hat sich auch unsere Autorin Anke von Legat orientiert, die während ihrer dreimonatigen Auszeit 650 Kilometer gewandert ist: vom südschwedischen Lund bis zum alten Pilgerzentrum Vadstena am Vätternsee.

Freiheit

„Wenn du Lust hast, kannst du morgen mit uns Mittsommer feiern.“ Während die Diakonin Gunilla diesen Satz sagt, schließt sie mir die Tür des kleinen Häuschens auf, in dem ich diese Nacht schlafen werde. Gerade habe ich die erste Etappe meiner Pilgertour hinter mich gebracht. Es lief sich gut, obwohl die Sonne fast schattenlos auf die kleinen Straßen brannte und ich einen 13 Kilo schweren Rucksack auf dem Rücken trug. Und da soll ich schon gleich am zweiten Tag eine Pause einlegen? Ich bedanke mich sehr freundlich und lehne ab. Es drängt mich voran.

Am nächsten Tag sitze ich mit einem späten Kaffee auf einer Bank, als mir plötzlich klar wird: Ich habe doch alle Freiheit, die ich mir nur wünschen kann! Niemand hetzt mich, niemand erwartet Leistungen von mir. Warum also nicht nehmen, was sich mir anbietet?

Ich bleibe und feiere ein tolles schwedisches Mittsommerfest. Dabei wird mir bewusst: Schritt für Schritt muss ich lernen, eigene Vorstellungen zu überprüfen und Ziele so zu verändern, dass sie mir gut tun. 30 Kilometer am Tag? Kann ich schaffen, muss ich aber nicht. Das Zelt zum Schlafen irgendwo in der Wildnis aufstellen? Wage ich, macht mir aber keinen großen Spaß. Zum Pilgern gehört die Gelassenheit den eigenen Ansprüchen gegenüber. Ein gutes Lernziel fürs Leben.

Einfachheit

Der Weg hat sich ziemlich gezogen an diesem Tag. Es ging durch sanfte Hügel, vorbei an Kuhweiden, langgestreckten Feldern und einzelnen Höfen. Endlich, nach einigen zusätzlichen Kilometern auf der Landstraße, kann ich am See mein Zelt aufschlagen.

Ein Bad spült Schweiß und Dreck ab. Der Sonnenuntergang zaubert einen rosigen Schleier über das Wasser, während ich, schon im Schlafsack liegend, Tagebuch schreibe. Die Höhepunkte des Tages? Eine Kaffeepause in einem Freilichtmuseum. Ein Lied in einer einsamen Kirche. Die vielen Blaubeeren im Wald und das Gespräch mit dem freundlichen Mann, der mir meine Wasserflaschen aufgefüllt hat. Mehr nicht. Aber der Tag war ausgefüllt bis zur letzten Minute.

Wer pilgert, ist mit dem Existenziellen beschäftigt. Die Gedanken kreisen ohne große Ablenkungen. Meistens geht es um ganz elementare Fragen: Wo kann ich die nächste Pause machen? Was werde ich dann essen, und wie weit ist es bis zum nächsten Supermarkt?

Fast unmerklich aber bewegt der Kopf auch die großen Themen: Glaube und Zukunft, Beziehungen und Lebensgestaltung. Das passiert nicht konzentriert über lange Zeit, sondern immer wieder, im Rhythmus der Schritte. Ganz allmählich lösen sich dann die verknoteten Gedanken und neue Perspektiven tun sich auf – durchaus überraschend. Einfach leben, ohne allzu viel Ballast, hilft beim Vorwärtskommen.

Da muss man durch: Unsere Autorin Anke von Legat unterwegs im Regenwetter
Da muss man durch: Unsere Autorin Anke von Legat unterwegs im RegenwetterAnke von Legat

Gebet

Mindestens eine Stunde lang führt der Weg schnurgerade mitten durchs Industriegebiet. Kein Schutz vor der brütenden Sonne, keine Möglichkeit für eine Pause. Endlich im Zentrum angekommen, ist mein erstes Ziel die Kirche. Runter mit dem Rucksack, die Schuhe aufschnüren und auf die Bank sinken. Was für eine Wohltat! Mein Gebet besteht nicht aus konkreten Worten, sondern aus einem großen Gefühl des Loslassens und der Dankbarkeit.

Beten mit allen Sinnen, mit dem ganzen Körper – das bekommt beim Pilgern eine ganz neue Bedeutung. Mit Augen und Ohren, Nase und Haut nimmt man während der vielen Stunden draußen Gottes Schöpfung so intensiv wahr wie wohl selten. Die Muskeln bewegen den Körper voran, der Wind kühlt den Schweiß, die Schmetterlinge wirbeln über die duftenden Blumen. Was für ein Wunder!
Beten wie Atmen – ob das auch im Alltag klappt?

Sorglosigkeit

Der erste Tag, an dem ich morgens nicht weiß, wo ich abends schlafen werde, bedrückt mich mehr, als ich dachte. Ja, in Schweden darf man wild zelten – aber wo ist ein guter, sicherer Platz dafür? Schließlich frage ich Hausbesitzer, ob ich mein Zelt gegenüber auf der Wiese aufschlagen kann. Trotzdem schlafe ich unruhig.

Sorglosigkeit – das ist das Schlüsselwort, das mich am meisten anzieht und mir gleichzeitig die meisten Fragen stellt. Denn ich bin nicht ohne Sorgen und Bekümmernisse beim Pilgern. Ich kann das, was mich belastet, nicht einfach hinter mir lassen, sondern habe es dabei. Es begleitet mich zwar nicht auf Schritt und Tritt, aber es taucht immer mal wieder auf. Ich finde auch keine Lösungen für manche Probleme, wie ich es mir erhofft hatte. Was ich dagegen finde, ist eine gewisse Gelassenheit: Ich muss nicht alles klären; ich kann es nehmen, wie es kommt. Und was ich beim Pilgern einübe, kann später im Leben hilfreich sein.

Langsamkeit

Schritt für Schritt, Meter für Meter wandere ich sechs Wochen nach Norden. Der schwedische Sommer begleitet mich sozusagen in Zeitlupe. Der Mohn, der anfangs in Skåne an den Feldrändern blühte, blüht am Vätternsee noch, als ich mein Ziel erreiche. Die Felder werden gemäht; das klare, intensive Licht der Mittsommernächte schwächt sich ganz allmählich ab. Es tut gut, im Rhythmus der Natur unterwegs zu sein.

Die Langsamkeit liegt im Wesen des Pilgerns und ist Lust und Last zugleich. Drei Kilometer auf einer Straße, auf die der Regen gleichmäßig herabrieselt, werden zur Ewigkeit. Auch die Zeit, die ich brauche, bis ich morgens loskomme, macht mich nervös: Von dem Moment, an dem ich etwas steif aus dem Schlafsack krieche, bis zu dem, an dem ich den fertig gepackten Rucksack schultere, vergehen fast zwei Stunden. Es dauert eine ganze Weile, bis ich mich damit abfinden kann. Gleichzeitig wächst die Erkenntnis: Lass dir die Zeit, die du brauchst – beim Pilgern und im Leben.

Schweigen

„Bist du ganz allein unterwegs?“ Wie oft habe ich diese Frage gehört! Meine Antwort: „Ja – und es geht mir gut damit!“

Die allermeiste Zeit während meiner Pilgerwanderung schweige ich. Anders als auf bekannten Pilgerrouten treffe ich bis auf ganz wenige Ausnahmen keine anderen Wanderer. Die Menschen, denen ich morgens und abends auf Campingplätzen oder in Jugendherbergen begegne, sind die einzigen, mit denen ich Worte wechsele. Aber das Schweigen belastet mich nicht. Die Stille um mich herum tut gut und die Gedanken sind lebendig und laut genug, um mich zu beschäftigen. Sie zuzulassen, ist vielleicht die größere Herausforderung. Aber ist das im Alltag anders?

Spiritualität

Was unterscheidet eine Pilgertour von einer Wanderung? Äußerlich nicht allzu viel, jedenfalls nicht auf den Wegen, auf denen ich unterwegs war. Also muss es wohl die innere Haltung sein. Die Bereitschaft, offen zu sein für das, was Gott mir schenkt auf dem Weg. Das Vertrauen, dass er mich beschützt.

So etwas wie eine feste geistliche Routine habe ich nicht gefunden. Was mir eine Struktur gab, waren die Kirchen auf dem Weg. Fast täglich kam ich an einer vorbei; manche groß und prächtig, andere winzige Dorfkirchlein, seit Jahrhunderten scheinbar unverändert. Dort zu sitzen, auszuruhen, die Stille zu spüren und die Kühle zu genießen war wohltuend. Eine Kerze für einen kranken Freund habe ich in jeder Kirche angezündet; auch das gehörte zu der Geistlichkeit meines Pilgerns. Kleine spirituelle Inseln, die helfen, die lange Wanderung durchzuhalten.

Teilen

Etwas fröstelnd sitze ich mit meinem Tee auf einer Bank oberhalb des Campingplatzes. Da kommt die junge Holländerin, die mich gestern schon so nett angesprochen hat, den Weg hoch. „Ich habe mir gedacht, dass du vielleicht keine Möglichkeit hast, dir guten Kaffee zu machen, darum habe ich dir einen mitgemacht“, sagt sie und reicht mir eine Tasse mit frisch gebrühtem, starkem Kaffee. Herrlich!

Wir sitzen noch lange und unterhalten uns, und der Kaffee ist viel mehr als nur ein Getränk. Er ist eine Geste der Freundlichkeit, der Mitmenschlichkeit. Ich erlebe auf meiner Pilgertour viele ähnliche Momente, in denen mit einem Kaffee noch viel mehr geteilt wird: Geschichten von dramatischen Schicksalsschlägen und von der Kraft, sie zu überwinden; oder auch kleine Glaubensmomente, die Mut machen. Sie gehören zu dem Kostbarsten, das ich mitnehme vom Pilgern. Mein Vorsatz für danach: Teilen, wo es nur geht – Kaffee, Zeit und Geschichten!