„Ich merkte dann, das mag ich“

Zum Taizé-Jugendtreffen in Rostock hat sich auch Ex-Bundespräsident Joachim Gauck angesagt. Im Interview verrät der ehemalige Rostocker Pastor, welche Beziehung er zu Taizé hat.

Ex-Bundespräsident Joachim Gauck kommt zum Taizé-Treffen nach Rostock
Ex-Bundespräsident Joachim Gauck kommt zum Taizé-Treffen nach RostockIMAGO/photothek

Herr Gauck, mehrere tausend Jugendliche werden zum Jahreswechsel in und um Rostock, Ihrer alten Heimat, beim Europäischen Jugendtreffen der Gemeinschaft von Taizé zu Gast sein. Waren Sie selbst schon in Taizé, oder kennen Sie Mitglieder der ökumenischen Gemeinschaft persönlich?
Joachim Gauck: Ja, ich habe sogar den Gründer Roger Schutz kennengelernt. Es war zu der Zeit, als ich damit betraut war, die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der DDR zu verwalten und zugänglich zu machen. Damals hielt ich viele Vorträge in Deutschland und auch darüber hinaus. Bei einem Besuch in Frankreich bin ich dann nach Taizé gefahren und habe mich gefreut, Roger Schutz zu treffen. Es war für mich bewegend, wie er sich für die Dinge, mit denen ich damals befasst war, interessierte.

Wie haben Sie Taizé erlebt?
Ich habe gemerkt, dass die Menschen, die in der Bruderschaft waren, sich um das Seelenleben und den Glauben gekümmert haben, aber gleichzeitig auch eine starke Beziehung zu ihrer Umwelt entwickelt haben. Und das konnte ich bei Roger Schutz erleben.

Haben Sie auch an einem Taizé-Gottesdienst teilgenommen?
Ja, aber das hat sich mir nicht so tief eingeprägt. Ich selber bin anders geprägt. Als ich jung war, waren viele Theologen und angehende Pfarrer relativ fern von einer Spiritualität, wie sie in Taizé wiederentdeckt wurde. Das hielten wir alles für gestrig. Über viele Jahre ist meine Form, ein evangelischer Christ zu sein, sehr weit weg gewesen von diesen Formen der gelebten Innerlichkeit, des Rückzugs auf überkommene liturgische Traditionen.

Jedes Jahr sind Tausende Jugendliche beim Taizé-Treffen dabei, hier 2019 in Polen
Jedes Jahr sind Tausende Jugendliche beim Taizé-Treffen dabei, hier 2019 in Polenimago images/Pacific Press Agenc

Und später?
Das hat sich gewandelt, als ich Gemeindepastor und gleichzeitig Jugendpastor in Rostock war. Da begegneten mir sehr viel jüngere Menschen als ich, die mir begeistert erzählten von Treffen mit Brüdern von Taizé. In meiner Jugendgruppe, die ich leitete in der Gemeinde, wurde viel gesungen, und plötzlich brachten Jugendliche Liedgut von Taizé-Treffen mit. Ich merkte dann, das mag ich (lacht).

Da hat sich ein im Grunde für mich fremdes gottesdienstliches, aber auch meditatives Element in mein Denken und in mein Glaubensleben hinein bewegt. Das war irgendwie unerwartet, hat mich aber bereichert.

Hat es auch andere bereichert? Den norddeutschen Christinnen und Christen wird ja ein eher nüchternes Verhältnis zu ihrem Glauben nachgesagt.
Deshalb habe ich von mir gesprochen, als einem Christen, der nicht von Anfang an oder typischerweise dieser Form von Frömmigkeit zugeneigt war. Aber wenn allzu viel über den Kopf geht oder über gesellschaftliche Debatten, die ja nützlich sind, da ist dann oft auch eine Leerstelle für eine neue Form der Frömmigkeit.

Ich habe jedenfalls bei vielen Jugendlichen, bei denen ich das überhaupt nicht erwartet hatte, eine Neigung zu dieser Spiritualität entdeckt. Das ging dann so weit, dass plötzlich Jugendliche bei mir auftauchten und das heilige Abendmahl empfangen wollten, obwohl sie eigentlich gar nicht getauft waren und auch gar nicht zur Kirche gehörten.

Durch das kommende Treffen erhoffen sich die Kirchen ebenfalls einen Impuls. Ist dies berechtigt in einer Region, in der die Kirchen in der Minderheit sind?
Mecklenburg ist geprägt von jahrzehntelangen Absetzbewegungen von der verfassten Kirche. Aber gleichzeitig entstehen in Teilen der Bevölkerung Bedürfnisse und Sehnsüchte nach Verbundenheit, die staatliche Instanzen nicht geben können. Deshalb wird es hoffentlich zu einer Form von Einladung an Fernerstehende kommen, die möglicherweise funktioniert. Das wissen wir nicht.

Wichtig ist, dass gerade junge Menschen in einer Region als Glaubende präsent sind, die anderen Anstöße geben, gerade in Zeiten der Verunsicherung. Die Rolle, die Christen spielen in einer Gesellschaft, hängt nicht unbedingt von der Zahl ab, die sie in der Region darstellen, oder gar, ob sie eine Minderheit sind oder nicht.

Junge Menschen sind von Taizé begeistert, gleichzeitig erleben wir gerade bei ihnen große Frustration mit Blick auf Glauben und Kirche. Wie kann das bevorstehende Treffen darauf eingehen?
Ich weiß nicht, ob wir davon ausgehen können, dass wir aktuelle Absetzbewegungen jetzt durch eine Art Erweckungsrausch stoppen können. Es geht einfach darum, dass die suchenden Menschen, die sich dem Glauben geöffnet haben oder auf dem Weg sind, glauben zu wollen, dass sie gestärkt werden, populistischen Verführungen zu widerstehen.

Sie haben mehrere Kirchentage in Rostock mitorganisiert. Haben Sie Tipps für die jetzigen Veranstalter?
Ich bin als Christ mit der Gemeinde, mit den Gottesdiensten der Kirche verbunden. Aber was die praktische Arbeit betrifft, da möchte ich mich raushalten. Ich bin da eher ein interessierter Beobachter. Ich werde nach Rostock kommen, um die Teilnehmenden zu grüßen und bei einer Bibellesung auch etwas über die Zeit zu sagen, als wir es schwer hatten, den Glauben in dieser Region zu leben.

Sie werden an dem Taizé-Treffen teilnehmen?
Ja, ich werde am Freitag am Mittagsgebet teilnehmen. Ich komme als Rostocker – als Ehrenbürger meiner Heimatstadt, als langjähriger Jugendpastor und Gemeindepastor, als interessierter Bürger und als ehemaliger Bundespräsident. Also es gibt gleich mehrere Gründe, dort hinzugehen und sich über dieses Treffen dort zu freuen.