Hier wird die Kneipe zur Kirche

Einfach reden, darum geht es in der „Kneipenkirche“. Die Räume der Kirchengemeinde bleiben dann geschlossen. Denn die junger Kieler finden, es gibt einen besseren Ort dafür.

Junge Menschen bis zu 30 Jahren treffen sich sonntagabends zur „Kneipenkirche“ in Kiel
Junge Menschen bis zu 30 Jahren treffen sich sonntagabends zur „Kneipenkirche“ in KielCatharina Volkert

Kiel. Ein Abend wie immer ist in der „Pupille“: Stimmengewirr liegt in der Luft, Pizzen werden an die Tische gebracht, Weizen und Apfelschorle bestellt. Ganz hinten, am Ende des Lokals, steht an diesem Abend ein Schild, dessen Leuchtbuchstaben verraten: „Kneipenkirche“. Zwei Tische sind dafür reserviert. 
Annette Bartelt und Carina Ewers sind schon hier, sie plaudern mit Martin Bauer und Daniel Drews über ihr Wochenende. Damit hat die „Kneipenkirche“ begonnen. 
Die Kneipengemeinde ist zwischen 20 und 30 Jahre alt. Ihre Teilnehmer studieren oder arbeiten in Kiel und Umgebung. Sie sind diejenigen, die noch in Wohnungen und Wohngemeinschaften leben „und noch kein Haus gebaut haben“, beschreibt Annette Bartelt ihre Gruppe. Wer hier sitzt, weiß noch nicht, wie und wo er in zehn Jahren lebt. Wer hier sitzt, schläft sonntags vielleicht lieber aus. 

"Was glaube ich?"

„Wir wollten mit Leuten zusammensitzen, die in unserem Alter sind“, erinnert sich Annette Bartelt. Darum hat sie zusammen mit Carina Ewers im Sommer 2017 die Kneipenkirche gegründet – als Angebot ihrer Gemeinde, der Friedensgemeinde in Kiel. Beide sind dort in der Jugendarbeit aktiv. 
Ein Gast der Kneipenkirche ist Martin Bauer. „Ich bin hier reingerutscht“, sagt der Student und nippt an seinem Bananenweizen. „Wenn ich Zeit habe, komme ich.“ Er schätzt den Austausch, mag Fragen wie „Was glaube ich? Wie denke ich über die Welt und meine Mitmenschen?“ „Ich habe das Gefühl, dass die Gespräche mich voranbringen“, sagt er. 
Längst nicht alle Gespräche entwickeln sich zu tiefschürfenden Debatten an diesem Abend. Die Kneipenkirchengemeinde lacht und albert viel herum. Die Arbeit, die Stadt, der Sommer – es wird hier über Gott und die Welt geredet. 

Niedrige Hemmschwelle

„Die Hemmschwelle ist niedriger, hierher zu kommen. Es ist hier nicht zu verstaubt wie in den Gemeinderäumen“, meint Carina Ewers. „Es ist einfach, den Leuten zu sagen: Kommt vorbei, wir wollen über Gott und die Welt sprechen“, ergänzt Annette Bartelt. Und so setzte sich auch schon ein Atheist, der ganz gezielt den Dialog mit den jungen Christen suchte, mit an den Tisch. Missioniert soll hier niemand werden, es geht allein um einen guten Dialog auf Augenhöhe.
„Geschlechtergerechtigkeit? Was ist das?“, diskutierten die jungen Norddeutschen schon. Oder sie haben über Kinderbibeln gesprochen, die sich vielleicht als Taufgeschenk eignen. Allein die Tatsache, dass sie sich manchmal über Gott und ihre Glaubensfragen unterhalten, unterscheidet die Kneipenkirche schon von allen anderen, die an den Nachbartischen sitzen. „Häufig haben wir Themen im Hinterkopf“, meint Bartelt. „Aber oft entwickelt es sich auch“. 

Keiner vermisst die Kirchenbank

Diakonin Franziska Voß betritt die „Pupille“ und grüßt freundlich in die Runde. Sie musste noch die Kirche nach dem Jugendgottesdienst aufräumen. Voß erzählt vom Foodsharing – von Lebensmitteln, die zwar abgelaufen sind, aber weiter verwendet werden. „Wir haben neulich mit Kindern damit gekocht“, berichtet sie. Erst hätten diese erfahren, warum Lebensmittel, die Supermärkte wegwerfen, gerettet werden können, dann ging es in die Küche. Allein das Resultat – aus Kartoffeln wurden beispielsweise Wedges – habe alle begeistert. 
Sonntagabend, das ist ein guter Zeitpunkt für solche Themen, meinen alle. „Wir haben unser Wochenende hinter uns, haben vielleicht Familie und Freunde besucht und sind nun zurück, um morgen wieder zu starten“, erklärt Annette Bartelt. Franziska Voß lehnt sich zurück. „Hier kommt man runter“, sagt sie. Kirchenbänke, Gebete und Gesang vermisst niemand in der „Pupille“. „Der Austausch macht den Gottesdienst“, findet die Diakonin.