Hier bekommen die Nordkirchen-Vikare ihren ersten Talar

Der erste Talar für die neuen Vikare der Nordkirche – dafür haben sie extra einen Maßschneider aus Nürnberg engagiert. Denn ihre Amtskleidung werden sie vermutlich das ganze Arbeitsleben lang tragen.

Ratzeburg. Die Details wollen gut überlegt sein, denn ein Talar hält etwa 35 Jahre. Darum haben sich die 15 jungen Theologen, die ihr Vikariat in der Nordkirche absolvieren, auch lange informiert und schließlich für Reinhard Albrecht entschieden. Der Franke hat ein Atelier in Nürnberg und schneidert seit fast 40 Jahren Amtskleidung für Geistliche. Er soll einfach der Beste sein, begründen die Theologen, warum sie ihn gewählt haben. So reiste er zu ihrem Seminar nach Ratzeburg, einen Muster-Talar über dem Arm.
Ein Talar gleicht keineswegs dem anderen, daher stehen die jungen Theologen vor vielen Fragen: Welcher Stoff fällt am weichesten? Welchen Kragen soll der Talar haben? Hat er Taschen? Und: Was trägt man eigentlich drunter? Aufgeregt beraten sei sich. Der Profi empfiehlt für schlanke Personen als Material eher Wollsatin. Und einen Stehkragen zum Einknüpfen findet er „einfach praktischer und haltbarer“. Der elegant gekleidete Franke mit Zwirbelbart und randloser Brille braucht pro Person etwa 20 Minuten zum Maß nehmen. „Das hängt auch davon ab, wie lange ich diskutieren muss“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

Foto im Talar für die Eltern

„Ich finde diesen Moment total aufregend“, meint Anna Cornelius, Vikarin in der Hamburger Kirchengemeinde Bergedorfer Marschen. „Das macht man schließlich nur einmal im Leben!“ Sie hat den Muster-Talar übergezogen und bittet ihre Kollegin, ein Foto zu machen. „Das schicke ich meinen Eltern.“ Sie fühlt sich gleich verändert: „Der Talar bietet mir Schutz, ich trete als Person automatisch in den Hintergrund.“ Donata Cremonese aus Schwerin geht es anders: Sie sei in der Rolle der Pastorin noch nicht angekommen. „Im Talar fühle ich mich eher verkleidet“, sagt sie.
Natürlich hat Albrecht auch Tipps parat: „Beim Aufstehen muss man den Saum leicht anheben, sonst tritt man drauf und er reißt – oder man fällt auf die Nase.“ Er zeigt, wie man das Kleidungsstück zusammenlegt und rät, es vor einer längeren Auszeit zu reinigen und nicht im Schrank aufzubewahren. „Motten lieben Talare, denn sie sind zu 100 Prozent aus Wolle.“ Für 120 Euro wird ein bei ihm geschneidertes Gewand von Hand gewaschen und gebügelt, „Wartungsdienst“ inklusive. Dann haften auch die Druckknöpfe wieder perfekt.
Auch die Männer machen sich Gedanken über das neue Kleidungsstück. So aufgeregt wie die Kolleginnen sei er aber nicht, sagt Hans Hillmann aus Büchen. Er sieht es pragmatisch: „Wir suchen uns dieses Kleidungsstück ja nicht aus, es sucht uns quasi aus.“

16 Stunden Arbeit pro Talar

Ein Talar kostet bei Albrecht 709 Euro. In der Nordkirche ist der preußische Talar üblich, für den berechnet er 60 Euro mehr, weil er mehr Stoff benötigt. Ein Vikar verdient anfangs etwa 1200 Euro netto im Monat. Da seien sie froh, dass sie einen Zuschuss von 800 Euro bekommen, sagen die Nordkirchen-Vikare.
Der Protestant Albrecht hat das Schneiderhandwerk von seinem Vater gelernt. Zum Talar schneidern kam er durch einen Kollegen. Seit 1979 hat er etwa 4.500 Talare gefertigt – nur für evangelische Pastoren, die katholischen versorgt ein Kollege. Aber auch viele Bischöfe, Landesbischöfe und Ratsvorsitzende hat er eingekleidet. Außerdem fertigt er Maßkleidung und Trachten an. Früher war er auf Bayern beschränkt, inzwischen reist er auch in andere Landeskirchen. Während er einst 230 pro Jahr verkaufte, sind es heute nur noch etwa 60. Bundesweit gibt es laut Albrecht noch vier weitere Schneider, die Talare anfertigen.
An einem Talar näht Albrecht etwa 16 Stunden. Das Beffchen, ein weißes Leinentuch, gibt es dazu. Jedes weitere kostet 25 Euro. Die Vikare müssen sich vorher nur entscheiden: schlicht, mit Lochmuster oder mit Kreuz? „Mit Kreuz ist mir too much“, sagt eine Vikarin. Übrigens: Ein Talar hat links immer eine Tasche und rechts einen Eingriff. Das kommt aus der Zeit, als die Männer ihr Portemonnaie in der rechten Gesäßtasche trugen, weiß Albrecht. Das mussten sie am Klingelbeutel schließlich schnell hervorholen können.