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Hausärzte als erste Anlaufstelle für Patienten

Das deutsche Gesundheitssystem steht vor einschneidenden Reformen. Patienten sollen künftig erst zum Hausarzt gehen, der sie dann durch den Dschungel der medizinischen Versorgung lotst. Wie das funktionieren soll.

Bundesgesundheitsministerin Nina Warken (CDU) hat am Dienstag einen Dialog zur Einführung eines Primärarztsystems in Deutschland gestartet. Dazu hat sie Vertreterinnen und Vertreter von Verbänden des Gesundheitswesens im Bundesgesundheitsministerium empfangen. Wie genau das System ausgestaltet wird, ist noch offen und soll im Fachdialog geklärt werden. Die Katholische Nachrichten-Agentur (KNA) erläutert, was geplant ist.

Ziel ist laut Bundesregierung eine bessere Steuerung der Patienten durch das Gesundheitssystem. Künftig soll der Hausarzt für Patienten immer die erste Anlaufstelle sein, bei Kindern der Kinderarzt. Er entscheidet dann, ob der Kranke zu einem Facharzt weitervermittelt wird. Ausgenommen davon sind die Augenheilkunde und die Gynäkologie. Für Patienten mit bestimmten schweren chronischen Erkrankungen sollen “geeignete Lösungen” kommen – etwa, dass ein Fachinternist die Rolle als steuernder Primärarzt übernehmen kann.

In Deutschland können Patienten bislang weithin selbst entscheiden, zu welchem Arzt sie gehen. Das führt nach Angaben von Ärzteverbänden zu Fehlsteuerung und vielen überflüssigen Praxisbesuchen. Im internationalen Vergleich gehen die Bundesbürger überdurchschnittlich häufig zum Arzt, manchmal auch zu mehreren Haus- und Fachärzten pro Quartal. Durch das Primärarztsystem sollen ärztliche Ressourcen effizienter genutzt, überflüssige Praxisbesuche eingeschränkt und Kosten gespart werden. Außerdem sollen Patientinnen und Patienten dadurch schneller einen Termin bei einem Facharzt bekommen.

Wenn der Hausarzt feststellt, dass ein Facharzttermin medizinisch notwendig ist, dann legt er für diesen Termin einen Zeitkorridor fest, in dem der Patient einen Termin beim Facharzt bekommt. Funktioniert das nicht, erhält die Patientin oder der Patient die Möglichkeit, einen Facharzt im Krankenhaus aufzusuchen.

Ministerin Warken setzt insbesondere auf ein verlässliches digitales beziehungsweise telefonisches Verfahren zur Ersteinschätzung sowie die Weiterentwicklung der Terminvermittlung. Auch der Spitzenverband der Gesetzlichen Kassen (GKV) baut auf die Kopplung der drei digitalen Bausteine: auf elektronische Ersteinschätzung, elektronische Überweisung und elektronische Terminvermittlung.

Schon jetzt gibt es ein Hausarztmodell – auf freiwilliger Basis. Die gesetzlichen Krankenkassen sind bereits heute dazu verpflichtet, eine hausarztzentrierte Versorgung (HzV) anzubieten. Mehr als zehn Millionen Menschen machen bereits freiwillig mit. Patientinnen und Patienten verpflichten sich dabei gegenüber ihrer Krankenkasse dazu, immer zunächst die Hausärztin oder den Hausarzt aufzusuchen. Wer sich beteiligt, kann von günstigeren Tarifen profitieren.

In einer gerade veröffentlichten Studie der AOK Baden-Württemberg zeigt sich, dass Menschen, die am Hausarztmodell teilnehmen, deutlich seltener ohne Überweisung zum Facharzt gehen. Laut Studie entlastet die HZV auch die Bereitschafts- und Notdienste, die von HZV-Patientinnen und -Patienten deutlich weniger oft genutzt werden.

Manche Ärzte warnen vor einer Überlastung der Hausärzte und einem Flaschenhals der Versorgung; es gebe schon jetzt zu wenige Hausärzte. Der Chef der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, sagt, das Primärarztsystem könne ein kleiner Baustein sein, um für mehr Effizienz im System zu sorgen. “Dass sich jeder auf Kosten der Allgemeinheit aussucht, was ihm am besten passt, das ist weltweit einzigartig, aber nicht fair und definitiv nicht mehr länger leistbar und bezahlbar.” Entscheidend sei aber die konkrete Ausgestaltung, so der Präsident der Bundesärztekammer.

Der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, warnt, er sehe kein wirkliches Einsparpotenzial. In anderen Ländern funktioniere das Primärarztsystem ganz anders. Dort sei die erste Ansprechperson oft kein Arzt, sondern eine Krankenschwester. Und danach werde per Postleitzahl der Hausarzt zugewiesen.

Der Sozialverband VdK erklärte, eine patientenzentrierte Primärversorgung könne Patienten durch den unübersichtlichen Dschungel des Gesundheitssystems begleiten. Präsidentin Verena Benetele warnte aber davor, allein die Patientinnen und Patienten für zu viele Arztkontakte verantwortlich zu machen. Die Ursache sei “kein massenhaft praktiziertes Ärztehopping, sondern ein auf Gewinnmaximierung ausgerichtetes System, das schlecht koordiniert ist”. Häufig würden Patientinnen und Patienten von Praxis zu Praxis geschickt, bis sie eine Diagnose oder Behandlung erhielten.

Die Deutsche Stiftung Patientenschutz befürchtet “ein ambulant-ärztliches Versorgungs-Chaos”. Es konkurrierten unterschiedlichste Visionen des Erst-Hausarzt-Modells, kritisierte Vorstand Eugen Brysch. Unklar bleibe auch, wie digital unerfahrene Menschen eingebunden werden sollten. “Täglich Millionen dieser Patienten zur Nutzung der kassenärztliche Hotline 116 117 zu zwingen, kann nur im Supergau enden.” Zutiefst unsozial wäre es, dieser Patientengruppe noch eine Zusatzgebühr aufzudrücken, nur weil sie an dem digitalen Karussell nicht mitwirken könne.