Hamburger Helfer im Himalaya

Ehepaar Camps unterstützt mit ihrem Verein eine Gesundheitsstation in einer abgelegenen Bergregion Nepals. Bei ihrem aktuellen Besuch trafen sie einen ganz besonderen Menschen.

von Julia Fischer
Hamburg/Kathmandu. Wenn am 12. Mai der kleine Ningma Sherpa seinen zweiten Geburtstag feiert, wird seine Mutter Pemdoma Sherpa mit besonders viel Herzklopfen an die Geburt zurückdenken. Sie brachte ihr Baby 2015 in einer abgelegenen Region in den Bergen Nepals während eines starken Erdbebens zur Welt. "Wir waren gerade im Vorgang der Geburt, als der Boden und das Gebäude anfingen, zu schaukeln und zu wackeln", erinnert sich Peshala Tamang (27), die Leiterin der Gesundheitsstation Peshala Medical Center (PMC) im Distrikt Okhaldhunga.

Engagement für arme Kinder und Familien

Sobald der erste Stoß vorüber war, trugen Tamang und ihre Mitarbeiter Decken, Instrumente und die junge Frau hinaus auf die Wiese vor der Station. Dort kam ihr Sohn Ningma gesund zur Welt. Sie leben heute nicht weit vom PMC entfernt und besuchen die Mitarbeiter dort regelmäßig. Unterstützt wird Tamang vom Verein "Zukunftskinder Nepal", den das Hamburger Ehepaar Susanne und Martin Camps 2012 gegründet hat. "1993 kamen wir das erste Mal nach Nepal und waren fasziniert." Seit 13 Jahren reisen sie regelmäßig in das Land und engagieren sich für arme Kinder und Familien – erst in einem anderen Verein, bis sie ihr eigenes Projekt starteten.

Die Camps ermöglichten Peshala Tamang, die sie bereits als Schülerin kennenlernten, die Ausbildung in der Hauptstadt Kathmandu. Inzwischen ist Tamang ausgebildete Health Assistant, gleichzusetzen mit einer "sehr gut ausgebildeten Dorfkrankenschwester", versucht Martin Camps die Berufsbezeichnung zu übersetzen. Mithilfe des Vereins entstanden seit 2012 die Gesundheitsstation, in der Tamang inzwischen drei Mitarbeiter beschäftigt, sowie eine Schule mit zwei festen Gebäuden für etwa 160 Kinder zwischen 3 und 13 Jahren. Da einige von ihnen Stunden entfernt wohnen, gibt es ein Hostel mit zwei Schlafsälen und Küche. Fünf Lehrer unterrichten die Kinder – je einer pro Klasse.

Das Camp ist schwer erreichbar

Die Station liegt 2074 Meter hoch, das nächste Dorf Shreechaur ist eine Viertelstunde Fußweg entfernt. Dort gibt es etwa 35 Häuser, die wenigen Läden bieten eine kleine Auswahl an Grundnahrungsmitteln und einige Kleidungsstücke an. Mit dem Auto ist die Gegend nicht erreichbar, denn es führt keine Straße nach Shreechaur. Frisches Obst und Gemüse bekommen die Bewohner, sofern sie es nicht selbst anbauen, erst im nächstgrößeren Ort: Doch Rampur liegt vier Stunden Fußmarsch durch unwegsames Gelände und 1300 Höhenmeter entfernt. Auch jegliche Baustoffe, Einrichtungsgegenstände und Schulmaterial müssen auch auf einem Trampelpfad den steilen Berg hoch getragen werden.

Leckereien aus Deutschland

Die Vielfalt an Lebensmitteln ist tatsächlich auch das einzige, was Susanne Camps manchmal während eines mehrwöchigen Aufenthalts vermisst. "Uns wird immer wieder klar, was für eine Fülle uns in Deutschland zur Verfügung steht." An Gemüse gibt es in Shreechaur derzeit vor allem Kartoffeln, Rüben, Zwiebeln und Hülsenfrüchte zur Verfügung. Scharf gewürzt werden sie, zusammen mit Reis und Linsensuppe, zum typisch nepalesischen Gericht "Dal Bhat". Wenn die Camps zweimal im Jahr zum PMC reisen, bringen sie für Tamang und ihr Team darum immer besondere Leckereien wie Marzipan aus Deutschland oder Yak-Käse aus Kathmandu mit.

Schwierige Gesundheitsversorgung in den Bergdörfern Nepals

Tamangs Team behandelt etwa 85 Patienten pro Woche. Sie kommen aus den umliegenden Bergdörfern – zu Fuß. Wer zu krank ist zum Laufen, wird von Angehörigen in einer Art Sitz-Korb auf dem Rücken getragen. So wie die 98-jährige Frau mit Atembeschwerden und schmerzenden Beinen. Vier junge Männer trugen sie im Wechsel über dreieinhalb Stunden. Eine Gesundheitsversorgung in der Nähe ihres Dorfes gibt es nicht. Nach einstündiger Untersuchung und Medikamentengabe macht sich die Gruppe wieder auf den beschwerlichen Rückweg.
Nepal ist eins der ärmsten Länder der Welt. Die Infrastruktur ist schlecht und die Regierung instabil. Ende April 2015 wurde das Land von einem Erdbeben der Stärke 7,8 erschüttert. Am 12. Mai folgte ein weiteres schweres Beben, das die Mitarbeiter im PMC besonders stark spürten, da das Epizentrum nur etwa 30 Kilometer entfernt war. Damals kam der kleine Ningma zur Welt. Insgesamt starben bei den beiden Beben fast 9000 Menschen, 3,5 Millionen wurden obdachlos. Hunderte Nachbeben dauern bis heute an.

Regelmäßige Erdbeben erschweren die Arbeit im Camp

Das Gebäude des PMC hielt beiden Beben stand: Es wurde vom Verein erdbebensicher gebaut. So konnten Tamangs Lehrer den Schulbetrieb schnell wieder aufnehmen und sogar viele Schüler der staatlichen Schule übernehmen, denn die war zerstört worden. Zwei Jahre später geht es Tamang und ihren Kollegen im Vergleich zu manchen Nachbarn gut. Viele Familien verbringen den Tag in ihrem beschädigten Haus, übernachten aber in Hütten aus Bambus oder Wellblech – aus Angst vor einem starken Beben in der Nacht. Die Regierung steckt in einer schweren Krise und zahlt versprochene Hilfen nur langsam aus. Der Wiederaufbau der Häuser läuft schleppend, denn allein können sich die Familien das nicht leisten.
Die Camps stehen dem Team während ihrer Besuche sowohl handwerklich als auch beratend zur Seite: Martin Camps hilft, den Abfluss der Sickergrube freizuspülen, während seine Frau die blauen Fensterrahmen streicht. Abends sitzen sie mit Tamang zusammen und beraten über die Zahnstation, die in einem Monat eröffnen soll. Tamangs Freund Danesh, frisch ausgebildeter Dentist, wird sie leiten. (epd)