Gesetzestreue

Über das Eingeständnis, dass wir in dieser unerlösten Welt gezwungen sein können, gegen Gesetze zu verstoßen spricht Dr. Tim Y. Schedel. Er ist Pastor in der Kirchengemeinde Heiligengeist in Kiel.

Der Predigttext des kommenden Sonntags lautet: „Bis Himmel und Erde vergehen, wird nicht vergehen der kleinste Buchstabe noch ein Tüpfelchen vom Gesetz …“ aus Matthäus 5, 17-20

Tatsächlich geht es mir in Zeiten des offensichtlichen Rechtsbruchs in der Ukraine so, dass ich mir ein stabiles und respektiertes Gesetz wünsche. Angesichts des profitorientierten Kapitalismus wären bestimmte Schranken durch das Gesetz für mich begrüßenswert. So stärkt mich die Aussage Jesu, dass er das Gesetz erfüllen wird und dafür einsteht, dass nicht ein „Tüpfelchen“ daran vergeht.

Dann stutze ich, denn Gesetze sollten dynamisch sein. Niemand kann für die Gesetze des Römischen Imperiums, die zur Zeit Jesu galten, noch eine unveränderte Geltung einfordern. Sie sind Grundlage unserer Rechtsprechung, doch ist es nicht das Festhalten am Wortlaut, sondern die Weiterentwicklung dieser Gesetze, die Freiheitsrechte hervorbrachten.

Die Dynamik von Gesetzgebung zeigt sich aktuell deutlich in der Debatte um das nun wieder verschärfte „Abtreibungsgesetz“ in den USA. Das sind die Gesetzesdebatten, in denen wir Christinnen und Christen Position beziehen sollten. Nicht durch das starre und wortgetreue Zitieren einschlägiger Bibelstellen, sondern durch die Botschaft, die wir durch Jesus Christus erfahren haben. Im Fall der Abtreibung sind wir durch den christlichen Glauben in besonderer Weise dem Schutz des Lebens verpflichtet. Durch das Kreuz kennen wir das Leiden der Menschen in der Welt. Am Kreuz ist durch Christus deutlich geworden, dass wir an der Welt verzweifeln können, es keine einfachen Lösungen gibt. Das hilft vielleicht beim Blick auf die verzweifelten Schwangeren.

Es gibt Dilemmasituationen, bei denen das tüpfelchengetreue Einhalten von Gesetzen unmöglich ist. Dietrich Bonhoeffer stellt den Begriff der „Bereitschaft zur Schuldübernahme“ zur Verfügung. Das ist kein Aufheben von Gesetzen, aber das Eingeständnis, dass wir in dieser unerlösten Welt gezwungen sein können, gegen Gesetze zu verstoßen. Das letztgültige Urteil über diesen Rechtsbruch wird keine menschliche Richterin und kein menschlicher Richter fällen.

Unser Autor
Dr. Tim Y. Schedel ist Pastor in der Kirchengemeinde Heiligengeist in Kiel.

Zum Predigttext des folgenden Sonntags schreiben an dieser Stelle wechselnde Autoren. Einen neuen Text veröffentlichen wir jeden Dienstag.